Freiwilliges Label oder verpflichtende Tierschutzkennzeichnung: Was ist denn jetzt besser?

Das haben sich Prof. Dr. Achim Spiller und Dr. Anke Zühlsdorf gefragt und empfehlen:

In Deutschland wird politisch gestritten, ob dem Tierschutz in der Landwirtschaft besser durch ein freiwilliges Tierschutzlabel oder durch eine Verpflichtung zur Kennzeichnung der Tierhaltungsform gedient ist. In einem Gutachten für Greenpeace arbeiten wir heraus, dass dies nicht die wichtigste Frage ist. Bei Eiern hat die verpflichtende Kennzeichnung (Käfig, Boden, Freiland, Bio) die tierfreundlichen Haltungsformen vorangebracht. In den Niederlanden ist ein für die Unternehmen freiwilliges Zeichen mit 1-3 Sternen bei Fleisch ähnlich erfolgreich. Beide Ansätze haben Vor- und Nachteile. Ein verpflichtendes Zeichen wird z. B. von den Verbrauchern bevorzugt, kann aber den Tierschutz nicht so umfassend messen. Insgesamt spricht mehr für ein freiwilliges staatliches Label. Entscheidend ist aber, dass der Staat, wenn er jetzt endlich auch in Deutschland aktiv wird, das Label umfassend fördert und nicht nur ein neues Zeichen schafft, das keiner kennt. Der Staat sollte daher in den ersten 3 Jahren 70-80 Mio. € in eine Informationskampagne für das neue Zeichen stecken und noch mehr Geld für begleitende Tierschutzinvestitionen in der Landwirtschaft ausgeben.

Wichtig ist, dass möglichst viele Tiere von Tierschutzmaßnahmen profitieren. Da die Tierhaltung in Deutschland weit davon entfernt ist, was sich die meisten Menschen vorstellen, müssen die Verbraucher bereit sein, bei der ersten Stufe eines Labels Kompromisse zu machen. Am Anfang wird nicht einmal das in der EU verbotene Abschneiden der Ringelschwänze von Schweinen in der Einstiegsstufe umgesetzt werden können. Die Gesellschaft sollte diese Kompromisse mittragen, aber nur, wenn verbindliche Entwicklungsschritte vorgegeben sind. Es darf aber nicht wieder das gleiche wie beim Thema Ferkelkastration passieren, wo die Branche es in 10 Jahren Übergangszeitraum nicht geschafft hat, konstruktive Wege umzusetzen.

Die zweite Stufe des Labels sollte Ställe auszeichnen, in denen die Tiere auch nach draußen kommen und deutlich mehr Platz, frische Luft und Licht erfahren. Gerade bei Schweinen ist hier noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten und politisch zu fördern. Die dritte Stufe beim Tierwohl ist eine Tierhaltung so wie bei Bio mit Stroh und Auslauf. Aber manche Biobetriebe machen zu viele Fehler bei der Tierbetreuung. Nach einer notwendigen Übergangszeit sollten sich also auch Biobetriebe einer Tierwohlprüfung unterziehen müssen.

Die Prüfung des Tierwohls sollte nicht zu bürokratisch sein, sondern wirklich hinschauen, wie es den Tieren geht. Zudem muss sichergestellt werden, dass das Betrugsrisiko so gering wie möglich gehalten wird. Offen ist, wer dieses Labelsystem insgesamt betreiben soll: Der Staat selber oder soll er eine neue Organisation damit beauftragen? Auf den ersten Blick ist der Staat neutraler und glaubwürdiger, aber vielleicht wäre es besser, wenn Tierschützer und Landwirte zusammenkämen, um das System zu managen – und der Staat die Oberaufsicht behält.

12 Kernempfehlungen für ein staatliches Tierschutzlabel

1.     Das Tierschutzlabel durch klare Marktanteilsziele und begleitende Instrumente in eine nationale Nutztierstrategie einbinden.

2.      Nicht noch ein unbekanntes Label schaffen – massive Informationspolitik (Boosting) und begleitende Förderpolitik notwendig.
3.      Dreistufiges, staatliches und freiwilliges Label.
4.      Niedrig einsteigen – aber verlässliche Dynamisierung der Standards.
5.      Ställe der Zukunft auf der zweiten Stufe durch entwicklungsoffenen Standard und Begleitmaßnahmen massiv fördern.
6.      Biolandbau mitnehmen und deshalb in der Einführungsphase von einer zusätzlichen Zertifizierung ausnehmen.
7.      Kompatibilität zu bestehenden Ansätzen soweit möglich herstellen, Haltungssystemkennzeichnung des Handels fördern.
8.      Neue Trägerorganisation für das Label schaffen, die Wirtschaft und NGOs gleichberechtigt an einen Tisch bringt. Gesellschaftlichen Basiskonsens wie in den Niederlanden anstreben.
9.      Umfassende Tierschutzaudits entwickeln und bei Kleinbetrieben fördern.
10.    Konsequente Kontrolle durch unangekündigte und investigative Audits zur Betrugsprävention und obligatorischen Prüferwechsel.
11.    Mit dem Label die Nutzung von Tierschutzbegriffen im Marketing rechtlich regeln.
12.    Programme entwickeln, um möglichst schnell Fleischverarbeitung, Metzger sowie Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung einzubinden.
Quelle: Spiller & Zühlsdorf 2018

Das gesamte wissenschaftliche Gutachten „Haltungskennzeichnung und Tierschutzlabel in Deutschland: Anforderungen und Entwicklungsperspektiven“ im Auftrag von Greenpeace Deutschland e. V. steht hier für Sie zum Nachlesen bereit.

 

 

 

 

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