Debatte: „Pflanzenschutz – ein gesellschaftliches Missverständnis“

Im Rahmen des diesjährigen Alumni-Tages der Universität Göttingen hält Prof. Dr. Andreas von Tiedemann einen Vortrag mit dem Titel „Pflanzenschutz – ein gesellschaftliches Missverständnis“. Auf einen kurzen Ankündigungstext des Vortrags reagierten vier unterschiedliche Positionen: Jörg Schnitzerling, Prof. Dr. Achim Spiller, Antonia Wilch und Dr. Dirk Augustin. 

 

Lassen die folgenden Beiträge Fragen offen? Werden wichtige Argumente vergessen? AgrarDebatten freut sich über Kommentare & Gastbeiträge.

 


Der Ausgangspunkt:


„Pflanzenschutz – ein gesellschaftliches Missverständnis“tiedemann

von Prof. Dr. Andreas von Tiedemann, Abteilung für Pflanzenpathologie und -schutz

Niemals zuvor in der Geschichte ist die Landwirtschaft ihrer gesellschaftlichen Aufgabe der sicheren Versorgung Aller mit günstigen und hochwertigen Nahrungsmitteln so erfolgreich gerecht geworden wie heute, aber gleichzeitig hat es nie zuvor eine solch fundamentale Kritik der Gesellschaft an der Landwirtschaft gegeben. Mit diesem bemerkenswerten Widerspruch befasst sich der Vortrag von Professor Andreas von Tiedemann von der Universität Göttingen. Die Skepsis gegenüber der Landwirtschaft hat weite Teile einer zumeist urban geprägten Bevölkerung erfasst und richtet sich gegen die ganze Breite moderner landwirtschaftlicher Produktionsmethoden. Während der modernen Landwirtschaft die Schädigung natürlicher Ressourcen wie Artenvielfalt, Boden und Wasser vorgehalten wird, betreffen die Vorwürfe gegenüber dem modernen Pflanzenschutz auch die Gesundheit der Verbraucher und Anwender. Obgleich gerade für Letzteres jegliche Belege fehlen und dieser Vorwurf angesichts steigender Lebenserwartung wenig plausibel ist, wird der bloße stoffliche Nachweis im Nanobereich als hinreichender Beleg für eine vermeintliche Gefährdung durch Rückstände von Pflanzenschutzmitteln angesehen. Der deutliche Rückgang von Umweltbelastung und Verbrauchergefährdung in den vergangenen drei Jahrzehnten ist von der Gesellschaft nicht zur Kenntnis genommen worden, sondern hat im Gegenteil zu einem Anwachsen von Ängsten geführt.

Die hohe Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln ist selbstverständlich geworden und ermutigt zur Forderung nach völligem Verzicht von Pflanzenschutzmitteln. Sie ermutigt dazu, im Zielkonflikt zwischen Produktivität und Naturschutz letzterem den Vorrang zu geben.

Der Nutzen des modernen Pflanzenschutzes und seine zentrale Bedeutung für die gegenwärtige komfortable Lebensmittelversorgung sind angesichts des Fehlens von Notlagen durch Fehlernten aus der Realität und dem Bewusstsein verschwunden. Für die durch moderne Methoden erreichte Versorgungssicherheit wird die Landwirtschaft mit gesellschaftlicher Ablehnung bestraft.

Im Vortrag soll dieser Widerspruch und die essentielle Bedeutung effektiver Pflanzenschutzmethoden für die Sicherstellung des Grundrechts auf Ernährung – national wie global – beleuchtet werden. Am Ende soll auch ein Versuch unternommen werden, auf die möglichen Gründe für die Fehleinschätzung von Nutzen und Risiken des Pflanzenschutzes eingegangen werden.


Die Reaktionen:


„Entkopplung von Erzeuger und Verbraucher“160119_schnitzerling

von Jörg Schnitzerling, Landwirt & Vorstandsvorsitzender ASC Göttingen von 1846 e.V.

Die Diskussion um Pflanzenschutz ist immer mehr zu einer politischen Diskussion geworden, denn hier scheinen die sogenannten Volksparteien ja endlich auch mal unterschiedlicher Meinung zu sein. Und das ist interessant für die Medien, hier können Koalitionsstreitigkeiten zwischen Regierungsparteien ausgemacht und medial verkauft werden.

Bestes Beispiel ist dafür die Diskussion um Glyphosat. Dass diese Diskussion kaum jemand versteht, wird spätestens deutlich, wenn selbst die Rate der Sterblichkeit von Insekten und Bienen mit der Anwendung von Glyphosat direkt in Verbindung gebracht wird. Aber wo kommen denn eigentlich unsere Nahrungsmittel her?

Fragen wir junge Menschen auf der Straße, so ist die Antwort immer häufiger „aus dem Supermarkt“ zu hören und das, wie Prof. von Tiedemann richtigerweise schreibt, vor allem in der urban geprägten Gesellschaft. Einer Bevölkerungsgruppe, die ihre Nahrungsmittel vor allem günstig, in passenden Rationen verpackt, vielleicht schon vorverarbeitet im Supermarkt einkaufen möchte. Damit ist die Qualität eines sehr großen Teils unserer Lebensmittel in die Nähe von industriellen Produktionsmethoden gegeben worden, denn die kleine Molkerei und der Schlachthof im nächsten Mittelzentrum haben schon längst den Betrieb eingestellt.

Diese Entkopplung von Erzeuger und Verbraucher ist für mich der entscheidende Faktor in der Diskussion um die Frage von Qualität. Kaufe ich meine Produkte auf dem Markt oder von dem Erzeuger nebenan und spreche mit ihm, kann ich die Frage nach Herkunft und Kriterien der Herstellung direkt stellen und bekomme eine Antwort, die ich in den kommenden Monaten durch hinschauen prüfen kann. Es entsteht ein Vertrauen, das Diskussionen über Methoden – auch den gezielten und richtigen Einsatz von Pflanzenschutz – in ein anderes Bild rücken kann.

Die Entwicklung der Landwirtschaft ist sehr mit der Entwicklung anderer Sektoren in unserer Gesellschaft zu vergleichen. Geprägt von Optimierungsprozessen sind die Einheiten größer geworden und der effiziente Produktionsmitteleinsatz ist immer mehr in den Vordergrund gerückt. Diese von der Bevölkerung oft mit Vorbehalten gesehene Entwicklung hat dafür gesorgt, dass wir genügend „zu Essen“ haben und sogar einen großen Teil der erzeugten hochwertigen Nahrungsmittel wegwerfen können, da wir satt sind oder das Verfallsdatum verpasst haben – das ist Luxus!

Der Pflanzenschutz ist ein sehr teurer Produktionsfaktor, auch weil die Politik die Zulassungskriterien hoch ansetzt und immer weiter anhebt. Staatliche Einrichtungen prüfen die Bedenklichkeit der Mittel und geben diese gegebenenfalls frei. Jeder Landwirt überlegt sich sehr wohl, ob und wann er einen Pflanzenschutzeinsatz für notwendig hält, denn sein Betriebserfolg hängt davon ab. Der gezielte Einsatz von Pflanzenschutz ist in der konventionellen Landwirtschaft nur schwer wegzudenken und gibt eine große Sicherheit und gleichzeitig einen Spielraum für alternative Anbaumethoden.

Ich möchte mir nicht ausmalen, welche Diskussionen wir erst führen werden, wenn das Essen mal nicht mehr ausreicht.


„Kommunikation mit der Öffentlichkeit über kritische Agrarthemen – ein Missverständnis“spiller

von Prof. Dr. Achim Spiller, Abteilung Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte

Pflanzenschutzmittel, neue Züchtungstechnologien wie CRISPR/Cas, Kritik an modernen Tierhaltungssystemen – die Landwirtschaft sieht sich am Pranger. Eigentlich ist alles gut, der Sektor wird immer nachhaltiger, nur die Gesellschaft merkt es nicht und will immer mehr Natürlichkeit. Was ist falsch an dieser Diagnose? Auf zwei Punkte möchte ich eingehen:

Erstens ist die Diagnose zu undifferenziert. Es gibt viele Verbesserungen, aber auch beachtliche Herausforderungen – und steigende Anforderungen der Gesellschaft.

Um einen früheren Vizepräsidenten des DBV beim Thema Tierwohl zu zitieren: Wir dürfen den NGOs nicht den kleinen Finger reichen, sie kommen sofort mit neuen Forderungen und wollen die ganze Hand. Nach diesem Motto hat die Branche die Tierschutzdiskussion weitgehend bis heute geführt und eben nicht offen über die erheblichen Schwachpunkte diskutiert. Das führt zwangsläufig zu einer reaktiven Strategie. Natürlich ist heute vieles besser als früher. Das ist es auch in der Autoindustrie, aber trotzdem drohen Fahrverbote und die Herausforderungen des Klimaschutzes wurden verschlafen. Wie ist es bei Pflanzenschutz? Studien zeigen ja, dass die Variationsbreite im Pflanzenschutzmitteleinsatz sehr groß ist, offensichtlich gibt es hier beachtliche Reduktionspotenziale. Und hat nicht der Einsatz von Pflanzenschutz z. T. dazu beigetragen, pflanzenbaulich problematische Fruchtfolgen zu realisieren? Es gibt Herausforderungen, die der Agrarsektor angehen muss.

Zweitens ist diese Botschaft („es ist doch eigentlich alles gut“) PR-technisch kontraproduktiv. Die Landwirtschaft erreicht damit das Gegenteil des Gewollten.

In der PR-Forschung wird eine Kommunikation, bei der die eigenen Stärken betont und Kritik als unbegründet abgelehnt wird, als Impression-Management bezeichnet. Sie kann funktionieren, aber nur dann, wenn ein Sektor eine gute Ausgangsreputation hat und die Position unwidersprochen bleibt. Ist man aber in der Defensive, eher getrieben von der medialen Diskussion, dann greift diese Botschaft nicht, da es an Vertrauen fehlt. Die Gegenpositionen verschwinden ja nicht, wem also sollen die Bürger dann vertrauen? Wenn sie auf ihrer Windschutzscheibe immer weniger Insekten sehen, ist dann vielleicht doch was dran am Vorwurf gegen Pflanzenschutzmittel? Weder eine Schönwetter-Kommunikation noch eine einfache Informationsstrategie (die „Erklärbär“-Kommunikation) funktionieren dann. In der Forschung zur Wissenschaftskommunikation ist es weitgehend unstrittig, dass die zugrunde liegende Informationsdefizit-Hypothese (der Akzeptanz liegt ein Informationsdefizit zugrunde) falsch ist. Es ist vielmehr eine komplexe Mischung aus steigenden gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, neuen, früher unbekannten Herausforderungen (wie Biodiversität und Klimaschutz, aber auch Adipositas), aus geringem Vertrauen in bestimmte wirtschaftliche Akteure (z. B. Monsanto), fehlender Transparenz, geringer Dialogbereitschaft und einem insgesamt polarisierten Meinungsklima bei Lebensmittelthemen, die das Problem ausmachen.

Land- wie Lebensmittelwirtschaft werden nicht dafür abgestraft, dass sie die Menschen heute satt machen. Vielmehr haben die Menschen Probleme, sich gesund zu ernähren, sind tendenziell übergewichtig und leiden darunter. In dieser Situation Produktivität und Effizienz zu kommunizieren, geht an der Realität der Kunden vorbei. Soweit weg viele Verbraucher heute von der Landwirtschaft sind, so weit weg sind viele Landwirte von der Lebenswirklichkeit ihrer Kunden. Und in der Marktwirtschaft hat der Kunde immer recht.

 


„Gegenwind in der Wissenschaft: Aktion statt Reaktion“ antoniwilchrund

von Antonia Wilch, Doktorandin der Abteilung für Pflanzenpathologie und -schutz & Sprecherin der Jungen DPG

Glyphosat, Gentechnik, Bienensterben und Insektenschwund – emotional geführte Debatten rund um das Thema Landwirtschaft beherrschen die Medien. Im digitalen Zeitalter verbreiten sich Aussagen geradezu viral, vermeintliche Informationen werden ungefiltert und ungeprüft aufgenommen. Dabei werden wichtige Zusammenhänge und Hintergründe oft nicht weitergegeben. Diese Vereinfachung erschwert die korrekte Bewertung der Sachlage. Was wirklich wahr ist und wo Panikmache die Medien beherrscht, ist für die meisten Leser fast unmöglich zu ergründen.

Die Bewertung und Interpretation der Landwirtschaft begegnet uns überall im Alltag. Gütesiegel im Supermarkt, Werbung für Weidehaltung im Fernsehen und die Berichterstattung in allen verfügbaren Medien machen die Nahrungsmittelproduktion zu jedermanns Sache. Die Diskussion findet mittlerweile auf diversen Ebenen statt: Landwirte laden Verbraucher ein, bauen sogar Schaufenster in geschlossene Stallsysteme ein. Imker verabreden mit Landwirten, an welche Schläge die Bienenstöcke gestellt werden und planen Pflanzenschutzmitteleinsätze in gegenseitigem Einvernehmen. Junge Landwirte leisten durch Messeauftritte und Blogeinträge Öffentlichkeitsarbeit. Seit einiger Zeit kümmert sich die praktische Landwirtschaft also vermehrt um wechselseitigen Austausch, und das kommt gut an. Wenn jedoch die Wissenschaft das Wort ergreift und dem Laien gut erforschte Sachbestände näherbringen will, stößt sie mit ihrer fachlichen Darstellungsweise auf Unverständnis oder gar Unglaube. Man glaubt die Forschung sei von der Lobby beeinflusst und von der Industrie finanziert. Mit Emotionen gespickte Kundgaben von selbsternannten Forschungsvereinen stoßen auf wesentlich mehr Interesse und werden für wahr befunden. Uns als wissenschaftlichem Nachwuchs bereitet diese Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Forschung große Sorge. Kaum können wir in Diskussionen mit Freunden, Nachbarn oder Journalisten verdeutlichen, dass wir unsere Erkenntnisse nach sorgfältiger Arbeit und mit bestem Wissen und Gewissen erlangen. Können und sollten wir uns daher eine emotionalere und bildhaftere Debatte erlauben? Doch nicht einmal die alten Geschichten aus Zeiten vor der modernen Landwirtschaft, wie die des Antoniusfeuers, jene der Großen Hungersnot in Irland mit Millionen von Toten und Vertriebenen oder die des Untergangs der Kaffeeproduktion von Ceylon, beeindrucken die Zuhörer. Viel zu weit entfernt sind wir davon, uns derartige epidemiologische Verheerungen noch ausmalen und die aus ihnen resultierenden menschlichen, sozialen und politischen Verwerfungen fürchten zu können. Wie sollen wir da erklären, dass Pflanzenschutz auf Basis der Erfahrungen aus Forschung und Praxis notwendig ist?

Auch wenn es aussichtslos erscheint: Das Brett, welches es zu bohren gilt, ist dick, jedoch dürfen wir nicht aufgeben und festgefahrene Ansichten („der Landwirt spritzt nachts, um seine Aktivität zu vertuschen“) durch steten Informationsfluss unsererseits schwächen. Dabei hilft es nichts, uns in den eigenen Kreisen zu bewegen und fulminante Reden zu schwingen. Vorausschauendes Agieren und Aufklären anstelle von Reagieren, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, ist gefragt. Öffentliche Auftritte der Wissenschaft auf Verbrauchermessen, Medienbeiträge abseits der einschlägigen Agrarjournalistik und Engagement in Kindergärten und Schulen können allseits zu mehr Verständnis führen. Nutzen wir den Gegenwind als Aufwind! Gehen wir in die Offensive!

 


 

„Die Zielkonflikte kommen beim Verbraucher nicht an“ augustin

von Dr. Dirk Augustin, Leiter der Versuchswirtschaften der Universität Göttingen

Alle Wahlergebnisse der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass eine weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ein stärkeres Engagement Richtung Umweltschutz wünscht. Große Unterschiede gibt es jedoch in der Bereitschaft, selbst Eingeständnisse für mehr Umweltschutz zu machen. Interessanterweise finden wir diese Unterschiede nicht nur zwischen verschiedenen Gesellschaftsgruppen, die Widersprüchlichkeit steckt in uns selbst. Exemplarisch dafür mag Lena stehen. Mit Blick aus dem Flugzeug auf ihrer Weltreise sinniert sie, dass die Landwirtschaft nachhaltiger werden müsse. Auch Max oder Lieschen Mueller haben kein Problem damit, sich einen SUV zu kaufen, das Flugzeug öfter zu nutzen und mehr Lebensmittel wegzuwerfen, während sie von anderen, wie beispielsweise der Automobilindustrie, der Landwirtschaft, der Chemie oder der Energiewirtschaft immer vehementer Nachhaltigkeit einfordern. Besonders beliebt ist das Beklagen zu weniger Elektroautos, obwohl bekannt ist, dass zum jetzigen Zeitpunkt die dazu erforderliche Energie durch zusätzliche fossile Energieträger gedeckt werden muss. Jedes Elektroauto wird damit zum Argument zur Abholzung des Hambacher Forstes.

Vor- und Nachteile werden nicht gegeneinander aufgewogen, es gilt das Vorsorgeprinzip nicht selten mit dem Hinweis der besonderen Verantwortung versehen.  Beim Rapsöl wird der ILUC-Faktor zur Bewertung der Nachhaltigkeit auf Druck der Umweltverbände herangezogen. D.h. für die der Nahrungsmittelproduktion entzogene Fläche wird virtuell eine Regenwaldabholzung angenommen. Bei anderen die Nahrungsmittelproduktion reduzierenden Maßnahmen sieht man es lockerer. Stilllegungen, Umweltprogramme, Gewässerrandstreifenprogramme, Verbot von Beizen etc. Die Liste der produktionseinschränkenden Maßnahmen ließe sich endlos fortsetzen. Die Forderung, 20 % unserer landwirtschaftlich genutzten Fläche ökologisch zu bewirtschaften, bedeutet im Ergebnis etwa den Entzug von 10 % unserer Futter- und Nahrungsmittelgrundlage. Kann die Regenwaldabholzung für diesen Fall auf wundersame Weise vermieden werden? Die Berücksichtigung einer korrespondierenden Urwaldabholzung würde die meisten Maßnahmen konterkarieren. Eine breite Diskussion dazu: Fehlanzeige.

Die Glyphosatdiskussion kommt weitgehend ohne ein Alternativszenario aus. Intensivere Bodenbearbeitung verbunden mit einem höheren Energieeinsatz, einer geringeren Humusspeicherung und damit insgesamt einer deutlich schlechteren Treibhausgasbilanz ist vielen Kritikern nicht einmal bekannt. Stärkere Erosion, höhere Eingriffsintensität in chemischer wie auch physischer Hinsicht spielen vorsorglich keine Rolle.

Die gleichen Widersprüche zeigen sich in der Tierproduktion. Vehement werden Haltungsformen gefordert und tatsächlich gefördert, die in Bezug auf die THG-Immissionen eindeutig schlechter sind. Die Landwirtschaft soll THG-Immisionen um 38 % senken, die Rahmenbedingungen zur Produktion werden gleichzeitig verschlechtert. Der Landwirt muss staunend zur Kenntnis nehmen, dass ein Mehr an Umweltbeeinträchtigung – wie bei der Offenhaltung für Schweine –  in der ökologischen Tierhaltung genehmigt, der konventionellen jedoch verwehrt wird. Die Zielkonflikte kommen beim Verbraucher nicht an. Er möchte weiterhin glauben, dass es für die Welternährung, das Tierwohl und den Klimaschutz eine Patentlösung gibt. In diesem Wunschkonzert ist für nicht einfache Diskussionen, z. B. ob vier Wochen mehr Beweglichkeit für die Muttersau gegenüber 3 erdrückten Ferkeln ein Mehr an Tierwohl bedeuten, kein Platz. Wir haben uns einen interessierten Verbraucher gewünscht und einen sich einmischenden bekommen. Nun stellen wir überrascht fest, dass Landwirtschaft als Thema „unterkomplex“ diskutiert wird und damit die Lösungen und damit auch die Landwirtschaft widersprüchlich und angreifbar bleiben.

3 Gedanken zu „Debatte: „Pflanzenschutz – ein gesellschaftliches Missverständnis“

  1. @Prof. Dr. Spiller: Bei Herrn Spiller bin ich mir nie sicher, was er eigentlich sagen will: Ist jetzt v.a. etwas an der Kommunikation der landwirtschaftlichen Akteure nicht in Ordnung oder an der landwirtschaftlichen Praxis oder an beidem? „In der Marktwirtschaft hat der Kunde immer Recht“ – na prima: Die konventionelle Ware in den Supermärkten und Discountern geht weg „wie geschnitten Brot“. Auch wenn es immer heißt „Bio boomt“, bleibt der Marktanteil an Bio-Lebensmitteln doch überschaubar. Als vor Jahren das Wachstum des Bio-Anteils stagnierte, nahmen die Discounter erste Bio-Produkte in ihre Sortimente auf und seitdem geht es wieder bergauf, aber auch vor allem nur bei Discounter-Billig-Bio. Dass Bioland demnächst bei LIDL vermarktet, ist die ironische Krönung dieser Entwicklung. Die vielfach bemühten veränderten Ansprüche der Gesellschaft finden v.a. in Umfragen statt. Damals an der Uni hieß dieser Effekt „Soziale Erwünschtheit“, heute geht man über dieses methodische Problem bei stark polarisierenden Themen einfach hinweg. Wenn es hart auf hart kommt wie jüngst bei der Abstimmung über die Fair-Food-Initiative in der Schweiz, das heißt: wenn die Wahl eine Konsequenz für das eigene Portemonnaie hat, fällt das Votum überraschend klar gegen diese vermeintlich veränderten Ansprüche der Gesellschaft aus. Wie war das mit der Marktwirtschaft, Herr Spiller?

    Zur Kommunikation: Wie sollen die landwirtschaftlichen Akteure (damit meine ich Landwirte, Funktionäre und Lobbyisten aus den vor- und nachgelagerten Bereichen) denn anders agieren? Es gibt diverse Initiativen z.B. für die Biodiversität, wo durchaus Problembewusstsein gezeigt wird, doch wird das in irgendeiner Weise honoriert? Der DBV beteiligt sich am FRANZ-Projekt und Rukwied bekommt vom NABU trotzdem einen Dinosaurier. Auf Seite der NGOs und bestimmter Parteien besteht doch gar kein Interesse, hier wirklich sachlich zu argumentieren. Deren Kommunikation ist nach Kampagnen organisiert und deswegen werden die auch nie aufhören, das Haar in der Suppe zu suchen: Ist ein Thema abgearbeitet, kommt das nächste. Wie Dialog-fähig sind NGOs, Bio-Verbände und Grüne z.B beim Thema CRISPR/Cas im Biolandbau? Menschen aus den eigenen Reihen wie Prof. Urs Niggli, der versucht hat, Brücken zu bauen, werden öffentlich sanktioniert. Ich höre mir gerne an, was ich besser machen kann, aber die anderen dann bitte auch!

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    1. @schillipaepa. Frau Günther, mir ging es hauptsächlich um die Kommunikation. Meine Kernaussage ist die durch Forschungsarbeiten aus der Wissenschaftskommunikation gut belegte These, dass die sog. information-deficit-Hypothese nicht den Kern des Problems trifft. Demnach würde es sich bei Akzeptanzproblemen der Landwirtschaft um ein Informationsproblem handeln, dem durch Aufklärung entgegengewirkt werden könnte. Das ist es aber wohl nur zum kleineren Teil, zum größeren Teil ist es neben einem Handlungsdefizit ein Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsdefizit. Zumeist nicht des einzelnen Landwirtes vor Ort, sondern der Institutionen. Wie kommt die Landwirtschaft da raus: Durch mutige inhaltliche Schritte, durch glaubwürdige Personen, durch Offenheit für den Dialog, durch neue Bündnisse.
      Hier ist das von Ihnen angesprochene F.R.A.N.Z-Projekt mit dem NABU tatsächlich ein gutes Beispiel für Dialog. Ist es jetzt für diesen Dialog ein Problem, wenn der NABU parallel dazu den DBV weiter kritisiert, z. B. für das Beharren auf der veralteten EU-Agrarpolitik (in der Agrarökonomie ist diese Kritik common sense, siehe auch die Stellungnahme des wiss. Beirates beim BMEL für eine Gemeinwohlorientierte Gemeinsame Agrarpolitik nach 2020). In einer Mediengesellschaft wird der Dialog parallel zur medialen Debatte stattfinden mit der Hoffnung, dass durch möglichst vieler solcher Projekte wie F.R.A.N.Z auf die Dauer zunächst zwischen den beteiligten Akteuren auf möglichst vielen Ebenen Vertrauen wachsen kann. Vielleicht gelingt es dann besser, das so polarisierte Meinungsbild (was Tim Lang einmal in einem Buch treffend als Food Wars bezeichnet hat) aufzulockern und zu Auseinandersetzungen um die Sache zu kommen. Hier ist es gut, wenn jemand wie Urs Niggli Defizite bzw. ideologische Verengungen des Biolandbaus aufwirft (und schlecht für den Biolandbau, wenn er diese Diskussionen kaum aushält). Genauso wie es gut war, als der Westfälisch-Lippische-Landwirtschaftsverband (WLV) vor zwei Jahren in seiner Leitbilddiskussion etwas Selbstkritik geäußert hat (und schlecht für den DBV, dass dieser die Diskussion kaum ausgehalten hat).

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  2. @Prof.Dr.Spiller: PR wird immer wichtiger, da der normale Bürger mit den Fakten überfordert ist in seiner knapp zu Verfügung stehenden Zeit. Stellt sich also die Frage welche Art von PR sollte die Landwirtschaft anwenden um ihre Leistungen für die Gesellschaft und den Konsumenten zu kommunizieren. Von diesem Punkt her stellt sich für mich als erstes die Frage wie ermittel ich mein Kommunikationsziel und ist dieses altruistisch oder von meinen bzw. die der breiten Masse der Bauern definierten Interessen gesteuert. Nun wird argumentiert, dass die Gesellschaft Wünsche gegenüber den Landwirten definiert, die die Bauern unabdingbar berücksichtigen müssen. Die Politik nimmt diese Wünsche auf und stellt einen Anforderungskatalog an die Landwirte. Stimmt dieses? Welche Umfragen mit hoher Sicherheit und welche wissenschaftlichen Ergebnisse liegen denn nun wirklich vor, die diese Wünsche und Notwendigkeiten definieren? Oder ist das meiste davon nicht Wissenschaftlich sondern nur PR? Und dann sind wir wieder bei der Ausgangsfrage wenn das meiste der öffentlichen Diskussion PR oder ödes Marketing ist, dann erwarte ich von einer Agrarfakultät, dass sie diese erkennt und den Absolventen das „Handwerkszeug“ mitgibt, diese zu erkennen und Fähigkeiten vermittelt, die im Sinne des Agrarsektors angewendet werden können! Natürlich müssen auch Probleme kommuniziert werden, das kann man sehr gut momentan von der Autoindustrie lernen, die das deutlich professioneller macht als die deutsche Landwirtschaft. Ob das nur an den finanziellen Möglichkeiten liegt darf bezweifelt werden, sondern genauso wichtig ist Professionalität und klare eigene Kommunikationsziele.

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