Biodiversität: Lösungen statt Analysen

Ein Gastbeitrag von Bauer Willi, der in Reaktion auf den Bericht zur Akademien-Arbeitsgruppe „Biodiversität in der Agrarlandschaft“entstanden ist.

Wenn es um Biodiversität geht, ist im zweiten Atemzug immer die Rede von „der Landwirtschaft“, die es richten soll. Weil sie schließlich – so jedenfalls Volkes Meinung – als Haupt-Verursacher für den Artenrückgang ausgemacht ist. Und das stimmt sogar: es ist die Aufgabe der Landwirte, Lebensmittel in höchster Qualität zu erzeugen. Das geht in der Regel nur mit dem Anbau einer einzigen Kultur auf einem Feld. Alles, was nicht dorthin gehört, muss weg. Das kann mit Herbiziden geschehen, mit mechanischer Bekämpfung oder auch von Hand. Das Ergebnis ist das gleiche: eine Kultur auf einem Feld. Dass es auch andere Ursachen für den Rückgang der Arten gibt, sei am Rande erwähnt, spielt aber in der öffentlichen Diskussion meist eine untergeordnete Rolle. Übrigens zu Unrecht.

Wenn wir Landwirte also zu mehr Natur- und Artenschutz beitragen sollen, sind nach meiner Auffassung folgende Kernthesen zu beachten, um tatsächlich zu Lösungen zu kommen:

  • Klare Benennung der Ziele und der Zielkonflikte. Humuserhalt bzw. Humusaufbau und gleichzeitig mehr Bodenbearbeitung schließt sich aus. Wer Erosion verhindern will, sollte möglichst auf den Pflug verzichten.
  • Macht Naturschutz einfach. Lasst uns mit unnötigen Formularen, Handlungsanweisungen und sonstigen Vorschriften in Ruhe. Sagt uns Bauern, was ihr haben wollt und wir machen das. Wenn wir einen Ratschlag brauchen, sollten wir jemanden haben, der uns das in unserer Sprache sagen kann. Statt Beratungseinrichtungen abzubauen, ist mehr Beratung nötig. Statt Ordnungsrecht und Kontrollen ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit so wichtig wie nie.
  • Naturschutz muss, wenn er erfolgreich sein soll, ein Betriebszweig wie jeder andere werden. Ob ich Zuckerrüben, Raps, Getreide oder Naturschutz mache: jeder Betriebszweig muss sich lohnen und zum Betriebsgewinn beitragen. Begriffe wie „Ausgleichszahlungen“ oder „Aufwandsentschädigungen“ sagen ja schon alles. Typisch Verbraucher: maximale Leistung erwarten und möglichst wenig dafür bezahlen. Beim Geld zuckt jeder, die Diskussion wird „unerfreulich“ und das Gegenüber „schmallippig“.
  • Wir Bauern planen langfristig. Wenn es um die Fruchtfolge geht, sind das schon mal schnell 5 Jahre. In der gleichen Zeit ist der ein oder andere Naturschützer möglicherweise schon zum Abteilungsleiter aufgestiegen oder hat einen Posten im Bundesumweltministerium gefunden. Es wäre also gut, wenn vereinbarte Maßnahmen und Verträge mindestens 5 Jahre gelten würden. Und in der Zeit dazwischen lasst uns bitte in Ruhe.

Was brauchen wir Landwirte sonst noch zur Zielerreichung?

Wir wollen gerne mit erweiterten Fruchtfolgen arbeiten. Die sind aber nur möglich, wenn die entsprechenden Produkte auch vermarktbar sind. Beispiel: Mehr Leguminosen kann man sich ja wünschen, aber sie müssen auch vom Markt zu entsprechenden Preisen abgenommen werden. Das ist derzeit nur bedingt der Fall. Somit muss deren Anbau, so er denn erwünscht ist, auf andere Weise honoriert werden.

Ich kann auch Leindotter, aber wohin damit?

Wir Landwirte düngen gerne organisch, weil sich organischer Dünger positiv auf den Boden auswirkt. Die neue Düngeverordnung schränkt deren Einsatz aber stark ein (Beispiel: Herbstdüngung). Eine generelle Düngung unterhalb des Bedarfes (z.B. 20% unter Bedarf) führt zu Mindererträgen und somit zu Mindererlösen. In der letzten Konsequenz bedeutet es die Unwirtschaftlichkeit des Betriebes, wenn es keinen entsprechenden finanziellen Ausgleich gibt. Dies ist der Gesellschaft aber kaum vermittelbar. Daher sollten restriktive Maßnahmen auf die wirklichen Problemgebiete beschränkt bleiben, die neu zu ermitteln sind. Mit 700 Nitrat-Meßstellen und einem Belastungsmeßnetz wird das nicht gehen. Gegen eine parzellenbezogene Düngebilanz wäre nichts einzuwenden, wenn auch die Problemfälle möglichst kleinräumig ausgemacht werden können. Oder man erklärt gleich ganz Deutschland zum „Roten Gebiet“.  

Pflanzen können krank oder von Schädlingen befallen werden. Es ist Ziel jedes Ackerbauern, egal ob bio oder konventionell, dies zu verhindern. Im Falle der Erkrankung (Schädlingsbefall) wird er jedoch alles unternehmen, um diesem entgegenzuwirken. Um möglichen Resistenzen im Vorfeld zu begegnen, braucht er eine breite Auswahl von entsprechenden Möglichkeiten. Wenn diese Pflanzenschutzmittel dazu möglichst viele Nützlinge schonen und sich möglichst schnell abbauen, ist das von Vorteil. Da dies aber nicht immer gewährleistet werden kann, ist Nutzen und Schaden gegeneinander abzuwägen. Mit einem reinen Vorsorgeprinzip können wir Pflanzenschutz nicht betreiben.

Mehr Vielfalt, eine Vernetzung der Landschaft, Rückzugsgebiete für gefährdete Arten, Schaffung von neuen Habitaten und viele andere Maßnahmen sind möglich und machbar. Dazu sind z.B. Brachen sicher eher geeignet als Zwischenfruchtanbau, der von den Landwirten als einfachste Maßnahme gesehen wird, die Greening-Auflagen zu erfüllen. Wenn diese Brachen dann noch mehrjährig sind, die Auswahl der Einsaat regional angepasst und regionale Gegebenheiten (Boden, Klima) berücksichtigt werden, kann dies nur zum Erfolg führen. Statt einer schleichenden Ökologisierung durch immer mehr Auflagen, dem Verbot von immer mehr Pflanzenschutzmitteln und der gesetzlichen Düngerreduktion nach der Rasenmäher-Methode liegt die Lösung vielmehr in einer Trennung von Naturschutz und produktiver Nahrungsmittelproduktion. Wer Magerrasen haben will, kann Magerrasen bekommen. Wir können auch Schmetterlinge. Aber eben nicht zum Nulltarif.

Die einfachsten Grundlagen der Biologie sind vielen Mitbürgern nicht mehr präsent. Das Wissen über Landwirtschaft tendiert gegen Null. Nitrat ist kein Gift und Monokulturen (ausschließlich eine Pflanzenart auf einem Feld) müssen sein. „Pestizide“ dienen dazu Krankheiten (engl.: „pest“) abzuwehren. Diese Zusammenhänge werden auch von Wissenschaftlern und in besonderer Weise auch von Naturschützern nicht mehr vermittelt oder sogar gegen die „industrielle Landwirtschaft“ verwendet. Die Kommunikation dieser Sachverhalte ist von den Landwirten (alleine) nicht leistbar. Hier kommt der Wissenschaft, den Bildungseinrichtungen und damit auch der Politik eine große Aufgabe zu, die aber derzeit kaum wahrgenommen wird. Geredet darüber wird viel, passieren tut nichts. Ein Blick in unsere Schulbücher reicht.

Wie sagte es neulich der Präsident des BUND in einem Interview in top agrar: „Gebt den Landwirten ihre Würde zurück.“ Mein Appell an Wissenschaft, Politik und Naturschützer:

Helft uns Landwirten, der Natur zu helfen. Die Probleme sind alle beschrieben, die Lösungen liegen auf dem Tisch. Ob das Geld dafür aus der ersten, zweiten oder einer möglichen dritten Säule kommt, ob die gesellschaftlichen Leistungen nach einem Punktesystem oder was auch immer bewertet werden, ist mir völlig egal. Ich will von meinem Betrieb leben können. Ich will mich nicht als Umweltsünder fühlen müssen. Ich verstehe mich als Unternehmer, der für eine (öffentliche) Leistung auch (öffentliches) Geld bekommt, keine Almosen.

Übrigens: unser Heizungs-Bauer hat mir gerade eine Rechnung geschickt. Stundensatz 90 € plus Mehrwertsteuer. Ich bin ja auch Bauer… 

Ihr Bauer Willi

P.S.: Wie es zwischen Bürgern, Bauern und Naturschützern klappen kann, zeigen die folgenden Links:

https://www.change.org/p/bundesumweltministerium-gemeinsam-f%C3%BCr-bienen-und-klima

https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/ina/Dokumente/Tagungsdoku/2018/2018-Vilm_11Punkte_final_clean.pdf

2 Gedanken zu „Biodiversität: Lösungen statt Analysen

  1. Die Reihenfolge haben wir doch im Ingenieurstudium gelernt.
    Analyse – Lösungen – Umsetzen
    Heute wird doch in blindem Aktionismus zuerst mal was um gesetzt,
    Wenn das nicht funktioniert vermeintliche Lösungen auf vermeintliche Probleme präsenteiert.
    Am Ende wundert man sich dann, dass das Problem nicht gelöst, sondern eventuell noch verschlimmert wird.
    Für Versuch und Irrtum sind die Probleme viel zu komplex.
    Vielleicht sollte man sich wieder an das Studium erinnern oder solides Handwerk.
    Dazu sind heute allerdings zu viele am Werk, die weder das eine noch das andere gelernt haben.

    Liken

  2. Ich glaube, das Problem ist heute oft ein ganz anderes:
    Die Analysen sind längst passiert, die möglichen Lösungen theoretisch bekannt.
    Aber dann… passiert nix.
    Ach doch, ein paar Wissenschaftler (gerne auch von Verwaltungsseite) beloben sich selbst ob der nächsten erfolgreichen Studie – die nicht mehr liefert, als worüber eine Handvoll rühriger Bauern längst hinaus ist. Mit dem Unterschied: die Bauern ‚machen halt‘. Try’n’error funktioniert auf dem eigenen Feld mit ausreichendem Wissen (und Erfahrung, die aber ohne akademische Legitimation nicht gilt) gar nicht so schlecht.
    Die Forscher hingegen wissen jetzt noch ein wenig genauer, wie es gehen müsste – tja, aber immer noch im Konjunktiv. Denn als Maß für den „Erfolg“ einer Studie wird ja leider so gut wie nie herangezogen, wie die Ergebnisse denn dann auch -überden Forschungsacker hinaus – angewendet werden.

    _Wir haben kein Kenntnis-, wir haben ein Handlungsdefizit._

    Das gilt m.E. für ganz viele Fälle.
    Und daran, dass die Forschungsergebnisse, die es ja nun schon gibt, nicht wenigstens umgesetzt werden – daran sind nicht einfach die renitenten Praktiker schuld. Da hat schon auch die Forschung in der Kommunikation eine Bringschuld, oder zumindest wäre das wünschenswert, weil möglicherweise effektiv. Forschung darf nicht mit dem Veröffentlichen eines wissenschaftlichen Papers, oder gar einer Analyse aufhören.

    Da braucht es evtl. neue Wege – und ich denke: „Einfach mal machen“ ist nicht der schlechteste.
    Und sei es nur, dass dabei auffällt, woran die praktische Umsetzung hakt – was sich im Laborversuch nicht gezeigt hat, weil die sozioökonomische Situation in einer biophysikalischen Studie nicht ausreichend berücksichtigt wurde oder, was auch gerne geschieht (vermutlich in dem Wunsch, großflächig geltende Lösungen zu finden), einfach mal wieder zu stark generalisiert wurde.
    Tja -es sind eben nicht nur irgendwelche (globalen) biophysikalischen Prozesse hochkomplex – auch z.B. die Entscheidungsmatritzen des praktischen Alltags sind zu divers für klinische Analysen.

    Eine Lösung ist nur etwas wert, wenn sie auch wirkt – das kann sie nur, wenn es die richtige Lösung ist; aber das kann sie auch nur, wenn sie angewendet wird.

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