Warum wir eine Tierschutzsteuer brauchen

Die Bürger-Konsumenten-Lücke


Ein Positionspapier von Dr. Gesa Busch und Prof. Dr. Achim Spiller der Abteilung Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte der Universität Göttingen


Zusammenfassung

Das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, das Bundesministerin Klöckner 2019 als strategisches Beratungsgremium für die zukünftige Nutztierhaltung eingerichtet hat, hat der Ministerin am 11. Februar 2020 ein Empfehlungspapier übergeben. Zentrale Aussage darin ist die Einführung einer Tierschutzsteuer auf alle tierischen Produkte. Die daraus entstehenden Einnahmen von gut 3,5 Mrd. Euro sollen zum Umbau und zur dauerhaften Finanzierung einer tiergerechteren Nutztierhaltung in derdeutschen Landwirtschaft verwendet werden. In dem Gremium, geleitet vom früheren Bundesminister Borchert, in dem alle wichtigen landwirtschaftlichen Verbände, der Ökolandbau, Wissenschaftler, Ländervertreter, Tierärzte und Verbraucherschützer vertreten sind, gab es einen Konsens darüber, dass mehr Tierwohl nicht allein über den Markt gewährleistet werden kann. Staatliche und private Tierschutzlabel werden nicht ausreichen, um das notwendige Geld für den Umbau der Tierhaltung zu erzielen. Die Kosten einer tierfreundlicheren Nutztierhaltung hat der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik des BMEL in seinem Gutachten 2015 mit ca. 3-5 Mrd. Euro pro Jahr beziffert. Das Kompetenznetzwerk
kommt jetzt mit einem Bedarf von rund 3,6 Mrd. Euro zu ähnlichen Ergebnissen.

3,6 Mrd. Euro pro Jahr ist auf den ersten Blick ein hoher Betrag. Pro Bürger sind dies allerdings nur knapp 45 Euro im Jahr. Warum soll dies nicht über den Markt finanziert werden können? Sind die BürgerInnen wirklich nicht bereit, diese Summe für mehr Tierwohl auszugeben? Das Kompetenznetzwerk kalkuliert mit einer Tierschutzsteuer von 40 Cent/kg Fleisch. Ist dieser Aufpreis nicht besser über den Markt erlösbar? Die folgende Studie zeigt, warum es eine systematische Lücke zwischen den Präferenzen der BürgerInnen für mehr Tierschutz und der Zahlungsbereitschaft im Markt gibt. Ein Teil dieser Konsumenten-Bürger-Lücke (engl. Consumer-Citizen-Gap) ist „selbstgemacht“, d. h. durch schlechte Politik und Marktversagen. Aber es verbleibt eine erhebliche Lücke, die nicht einfach durch ein verbessertes Angebot aufhebbar ist. Daher ist eine Tierschutzsteuer, wie sie das Kompetenznetzwerk vorschlägt, sinnvoll, um den Landwirten einen Weg zu einer gesellschaftlich akzeptierten Tierhaltung (Spiller et al. 2015) zu ermöglichen.

Hintergrund

Das Wohlergehen von landwirtschaftlichen Nutztieren in den heute gängigen Produktionssystemen ist suboptimal. Sowohl bei Rindern, Schweinen als auch beim Geflügel finden sich Auswirkungen der Haltungssysteme, oft im Zusammenspiel mit den eingesetzten Rassen, die das Tierwohl stark beeinträchtigen. Zu nennen sind hier bspw. Lahmheiten und sozialer Stress bei Milchkühen, Bursitis und Schwanzbeißen bei Mastschweinen oder Knochenbrüche und Federpicken bei Legehennen (Spiller et al. 2015). Hinzu kommen Eingriffe und Amputationen am Tier, die mit Schmerzen verbunden sind, wie bspw. das Enthornen von Kälbern, das Schwanzkürzen bei Ferkeln und das Schnabelkürzen bei Küken. Zum Teil sind diese Amputationen auch ein Indikator für Haltungsdefizite.

In weiten Teilen der Gesellschaft ist die Diskussion um Tierwohl und Tierschutz in der Landwirtschaft angekommen. Die Mensch-Tier-Beziehung hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in den westlichen Ländern deutlich gewandelt. Die gesellschaftlichen Ansprüche an einen ethisch korrekten Umgang mit Tieren sind erheblich gestiegen. Der klassische Anthropozentrismus, demnach der Mensch mit Tieren umgehen darf wie er möchte, wird heute kaum noch vertreten (Hölker et al. 2019). Eine als kontrakttheoretischer Ansatz zu bezeichnende Position erhält die mit Abstand größte Zustimmung. Fast alle Menschen stimmen heute einer Position zu, nach der der Mensch Tiere grundsätzlich nutzen darf, ihnen aber im Gegenzug ein gutes Leben zu ermöglichen hat. Viele Menschen wünschen sich also einen anderen, besseren Umgang mit Nutztieren, als es aktuell der Fall ist (Boogaard et al. 2011; De Jonge und van Trijp 2013; Kanis et al. 2003). Dies zeigt sich auch in medialen Diskussionen und Demonstrationen gegen die Tierhaltung wie z.B. bei „Wir haben es satt“. Im Lebensmittelmarkt haben Produkte, v.a. Fleisch, die unter besseren Tierwohlstandards produziert wurden, allerdings einen sehr geringen Marktanteil und sind als Nischenprodukte einzuordnen (BÖLW 2019).

Vor diesem Hintergrund stellt sich für die zukünftige Tierhaltung die Frage, wer für einen Wandel in der Nutztierhaltung verantwortlich ist. Neben LandwirtInnen und TierärztInnen, die durch den direkten Kontakt zu den Tieren primär Verantwortung für deren Wohlergehen übernehmen müssen, sowie Schlachtindustrie und Lebensmittelhandel können auch BürgerInnen als Teil der Zivilgesellschaft und VerbraucherInnen durch den Kauf von Lebensmitteln Verantwortung übernehmen und mitbestimmen, wie die Tierhaltung ausgestaltet sein sollte und welche Rahmenbedingungen für Tierhaltungssysteme gesetzt werden. Allerdings beklagen sich LandwirtInnen und die weiteren Unternehmen der Fleischkette gerade in jüngerer Zeit immer intensiver darüber, dass die steigenden Ansprüche der BürgerInnen sich im Kaufverhalten an der Fleischtheke nicht wiederfinden. In den jüngsten Protesten der Landwirtschaft wird vielfach auf diese Diskrepanz zwischen Moral und Geldbeutel verwiesen, die den Landwirten das Leben schwer macht.

In diesem Beitrag wollen wir erläutern, warum sich Einstellungen von Menschen oftmals nicht eins zu eins in ihrem (Kauf-)Verhalten widerspiegeln und welche systematischen Ursachen es hierfür gibt. Diese Diskrepanz ist bei Fleisch aus bestimmten Gründen besonders ausgeprägt. Ein Teil dieser Konsumenten-Bürger-Lücke ist „selbstgemacht“, d.h. durch schlechte Politik und Marktversagen. Aber es verbleibt eine erhebliche Lücke, die nicht einfach durch ein verbessertes Angebot aufhebbar ist. Daher ist eine Tierschutzsteuer, wie sie das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung des BMEL im Februar 2020 vorschlägt, sinnvoll (Kompetenznetzwerk 2020), um den Landwirten einen Weg zu einer gesellschaftlich akzeptierten Tierhaltung (Spiller et al. 2015) zu ermöglichen.

Konsumenten-Bürger-Lücke

Als Konsumenten-Bürger-Lücke (engl. Consumer-Citizen-Gap) bezeichnet die Konsumforschung die Unterschiede (Inkonsistenzen) zwischen dem, was Menschen – als Bürger – denken und äußern, und dem, was sie – als Verbraucher – tun. Viele Menschen (Bürger) wünschen sich höhere Tierwohlstandards und strengeren Tierschutz in der Landwirtschaft (Eurobarometer 2015), präferieren Weide- über Stallhaltung (Busch und Spiller 2018) und finden biologische Tierhaltung vorteilhaft (Janssen et al. 2016). Der Marktanteil solcher Lebensmittel ist jedoch deutlich geringer als die Einstellungswerte in wissenschaftlichen Umfragen und die öffentlichen Diskussionen um diese Themengebiete vermuten lassen. Es handelt sich also um Inkonsistenzen zwischen Einstellungen und Verhalten von Menschen. Deshalb wird dieses Phänomen auch als Einstellungs-Verhaltens-Lücke bezeichnet. Dabei sind solche Unterschiede zwischen Einstellungen und Verhalten nicht nur in Bezug auf Landwirtschaft und Lebensmittelkonsum beschränkt, sondern auch in anderen Themenbereichen zu beobachten. Bekannte Beispiele sind u.a. Blutspenden, Sport treiben, das Tragen von Helmen beim Fahrradfahren, der Kauf von Elektro-Autos oder der Bezug von Strom aus erneuerbaren Energien (Ajzen 2005).

Das Ausmaß der Konsumenten-Bürger-Lücke ist in den verschiedenen Warengruppen bei tierischen Erzeugnissen unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei Fleisch geben in Studien bis zu 80 % der Befragten
an, dass sie Präferenzen für eine bessere Form der Tierhaltung hätten (Weinrich et al. 2014; Zühlsdorf et al. 2018). Im Vergleich dazu sind die Marktanteile von Bio-Fleisch mit 1-2 % sehr gering (BÖLW 2019). Auch weitere tierwohlorientierte Haltungsformen haben wenig Verbreitung gefunden. Das Pionierkonzept „Neuland“ ist in seiner über 30-jährigen Geschichte nicht über eine Nischenposition hinausgekommen. Das 2013 eingeführte Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes verbreitet sich auch eher langsam. So waren im Jahr 2019 über alle Tierarten (Mastschweine, Masthühner, Legehennen und Milchkühe) hinweg 330 landwirtschaftliche Betriebe zertifiziert (Deutscher Tierschutzbund 2019).

In der Eierproduktion sieht die Verteilung hingegen etwas anders aus. Im Jahr 2019 wurden 62% der Eier in Deutschland in Bodenhaltung erzeugt, 19% kommen aus Freilandhaltung und 11% sind biologisch erzeugt (DBV 2020). Bei Milch liegt der Bio-Anteil an der Erzeugung bei knapp 4% (ZMB 2019). Bei Konsummilch hat Bio einen Marktanteil von etwa 9% (BÖLW 2019). Noch erheblich größer ist allerdings der Marktanteil anderer Produktionssysteme. So ist der Marktanteil von „Ohne Gentechnik“ in den letzten Jahren rasant gestiegen. Knapp 60% der in Deutschland erzeugten Milch exkl. Bio- Produktion sind heute gentechnikfrei (AMI 2019). Der Marktanteil der „Ohne-Gentechnik“-Milch entspricht ziemlich genau dem Ergebnis von Befragungen zur Zustimmung bzw. Ablehnung dieser Technologie. Bereits dieser kursorische Blick auf die Märkte zeigt also, dass die Konsumenten-Bürger- Lücke deutlich unterschiedlich ausfallen kann. Für die Wirtschaft ist es deshalb wichtig, die Hintergründe dieses Problems etwas differenzierter zu verstehen.

Ursachen der Konsumenten-Bürger-Lücke

Zur Erklärung der Konsumenten-Bürger-Lücke lassen sich verschiedene Ansätze aufführen. Abb. 1 fasst diese zusammen.

Quelle: Eigene Darstellung (Icon made by TutsPlus & Freepik from http://www.flaticon.com)

Zunächst lässt sich festhalten, dass Einstellungen oftmals eher Wünschen und Idealbildern entsprechen. Sie sind somit eher als Trends zu verstehen, die zeigen, wie eine ideale Welt beschaffen sein sollte. Durch diese Betrachtungsweise von Einstellungen ergibt sich, dass Differenzen zur Wirklichkeit und damit auch zum eigenen Verhalten diesen Vorstellungen inhärent sind. Möchte man in Befragungen bspw. eine hohe Korrespondenz zwischen Einstellungen und Verhalten aufzeigen, so muss sichergestellt werden, dass ein beobachtetes Verhalten tatsächlich zu der Einstellung korrespondiert und weitere Faktoren der Verhaltensbeeinflussung einbezogen werden (Ajzen und Fishbein 1977). Einstellungsmessungen sind damit so etwas wie Trendforschung, veränderte Einstellungen zeigen Potenziale für neue Märkte auf, die aber erst noch, u. a. durch gutes Marketing, realisiert werden müssen.

Ein weiterer Punkt kann der Effekt der sog. sozialen Erwünschtheit in Befragungen sein. Damit ist gemeint, dass Menschen in Befragungen Antworten geben, die mit kulturell und sozial akzeptierten Werten in Einklang sind, auch wenn diese nicht ihrer tatsächlichen Meinung entsprechen (Crowne und Marlowe 1960). Diese Antworten werden gegeben, um die eigene Meinung positiver aussehen zu lassen. Solche Effekte können tatsächlich in Befragungen auftreten. Wie stark diese Effekte jeweils sind, hängt zum einen vom Thema und zum anderen vom Befragungsdesign ab. Durch ein gutes Befragungsdesign, bei welchem bspw. Priming- und Reihenfolgeeffekte minimiert werden, sind verzerrte
Antworten in Richtung sozialer Erwünschtheit eher als gering einzustufen. Gerade in anonymisierten Online-Befragungen gibt es wenig Anreize für TeilnehmerInnen, nicht die Wahrheit zu sagen. So geben bspw. auch 2/3 der Befragten eine vorherige strafrechtliche Verurteilung zu (Skarbek-Kozietulska 2012), obwohl man hätte erwarten können, dass gerade dies sozial geächtet ist. Der Effekt der sozialen Erwünschtheit ist also, ein gutes Befragungsdesign vorausgesetzt, eher gering.

Ein weiterer Aspekt zur Erklärung der Konsumenten-Bürger-Lücke liegt in Problemen altruistischer Entscheidungen begründet. Bei Fragen des Tierschutzes und Tierwohls geht es um Auswirkungen menschlicher Verhaltensweisen auf Dritte, in diesem Fall Tiere. Dabei kann es vorkommen, dass Menschen ihre eigene Verhaltensänderung, z.B. den Kauf von Produkten mit höheren Tierwohlstandards, als wenig effektiv erachten, um grundsätzlich etwas an der Situation von Tieren in der Landwirtschaft zu verbessern. Dahinter steckt auch die Annahme, dass andere Konsumenten wahrscheinlich nicht altruistisch handeln werden. Sie befürchten also, letztlich „die Dummen“ zu sein, wenn sie mehr Geld für Tierschutz ausgeben, alle anderen aber eher nicht. Wenn Menschen ein solches Trittbrettfahrerverhalten ihrer Umgebung befürchten, dann werden sie individuell eher nicht handeln. Um diese Blockade aufzulösen, ist es wichtig, ein solches Verhalten als Trend erscheinen zu lassen und zu verdeutlichen, dass mehrere Menschen zu diesen Produkten greifen.

Viele Menschen sehen aufgrund der genannten Mechanismen eher die Politik oder die Wirtschaft in der Verantwortung, das Wohlergehen von Tieren zu verbessern und delegieren Verantwortlichkeiten an diese Instanzen (Schröder und McEachern 2004; Zühlsdorf et al. 2018). Verantwortung wird also eher dem Staat als dem Bürger zugeschrieben, was in einem gewissen Umfang in einer Demokratie auch legitim ist. Für umfassende gesellschaftliche Veränderungen ist letztlich die Gemeinschaft und damit die Politik verantwortlich.

Weiterhin können Informations- und Glaubwürdigkeitsdefizite bei Standards diesen Effekt verstärken. Studien zeigen z.B., dass viele Unternehmen der Fleischwirtschaft ein geringes Vertrauen genießen, das Image der Branche ist insgesamt schlecht (Albersmeier und Spiller 2010). Aufgrund fehlender gesetzlicher Regelungen sind Begriffe wie Tierschutz oder artgerecht nicht geschützt und können im Marketing relativ problemlos verwendet werden. Verbraucher vertrauen solchen Begriffen dann zumeist nicht, weil Definitionen fehlen und sie „Greenwashing“ befürchten. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn viele Unternehmen über längere Zeiträume ein solches „Greenwashing“ betreiben.

Die Fleischproduktion und damit die Schlachtung von Tieren auf der einen und die oft positive Geschmackspräferenz für Fleisch auf der anderen Seite können kognitive Dissonanzen bei VerbraucherInnen erzeugen, die zu Verdrängungseffekten führen. Durch diese Verdrängungseffekte werden auch (bestimmte) Tierschutzbedenken, nämlich solche, die sich auf den Schlachtprozess und den Tod der Tiere beziehen, als weniger gravierend bewertet, um die kognitive Dissonanz aufzulösen. Dies wird häufig als „Meat Paradoxon“ bezeichnet (Loughnan et al. 2010; Rovers et al. 2018). Bei höher verarbeiteten Produkten wie Wurst oder bei Fleisch in Fertigerzeugnissen tritt der Effekt stärker auf, da Verdrängung sich leichter einstellen kann. VerbraucherInnen stellen den Zusammenhang zum Tier
und dessen Haltung seltener her als bei Frischfleisch – dem Tierwohl wird daher bei solchen Produkten zumeist weniger Beachtung geschenkt.

Eine weitere zentrale Ursache für das Auftreten von Bürger-Konsumenten-Lücken können Fehler auf der Angebotsseite sein. Wenn Menschen ihre Einstellungen in Kaufverhalten umsetzen sollen, dann müssen die gewünschten Produkte auch am Point-of-Sale verfügbar und als solche erkennbar sein. Aufgrund des Labeldschungels haben viele der Zeichen im Lebensmittelbereich einen eher geringen Bekanntheitsgrad bei VerbraucherInnen (Buxel, 2018). Zudem muss die Auslobung der Eigenschaften, wie bspw. „aus artgerechter Tierhaltung“, vertrauenswürdig sein. Dies ist v.a. bei Begriffen ein Problem, die nicht gesetzlich geschützt bzw. definiert sind. Auch die Vertrauenswürdigkeit des Labelgebers spielt dabei eine Rolle. Das Vertrauen in die Unternehmen der Fleischwirtschaft ist gering. Wenn es mit relativ viel Aufwand für die VerbraucherInnen verbunden ist, Fleisch aus tiergerechter Haltung im Markt zu erkennen und wenn sie dann noch einen deutlich höheren Preis bezahlen sollen, dann überschreitet der Aufwand für viele das im Alltag mögliche und das günstigere, konventionelle Fleisch wird ausgewählt.

Der Preis eines Produktes spielt beim Lebensmitteleinkauf eine entscheidende Rolle. Preise für biologisch erzeugtes Fleisch liegen um ein Vielfaches höher als für konventionell Erzeugtes. So kostet ein kg Geflügelbrust in SB im Preiseinstieg rund 6-7 Euro. Bei Bio liegen die Preise zwischen 20 und 30 Euro. Sie sind also in manchen Fällen bis zu 500 % höher. So hohe Preise schrecken ab oder anders ausgedrückt: Bei Überschreitung bestimmter Preisschwellen steigen VerbraucherInnen aus, die Zahlungsbereitschaft ist begrenzt. Vor allem bei sehr hohen Preisdifferenzen in einem ohnehin schon eher hochpreisigen Markt mit hohen Preiselastizitäten kann der Preis für viele Menschen als Kaufbarriere wirken und dazu führen, dass Einstellungen sich nicht im Verhalten widerspiegeln (Aschemann-Witzel und Zielke 2017). Abb. 2 zeigt die Ergebnisse einer Befragung zu Zahlungsbereitschaften für Schweinefleisch mit Tierschutzlabel. Von den repräsentativ Befragten (N=478) würden 59,4% mehr Geld für ein Schnitzel mit Tierschutzlabel zahlen (17,8% kaufen kein Schweinefleisch, 22,8% würden nicht mehr Geld für Tierschutz bezahlen). Dabei ist die Höhe der Mehrzahlungsbereitschaft unter den
Befragten sehr heterogen. Die heute üblichen Preise für Bio (Ø 6,44€ für 500g, AMI 2014) akzeptiert nur ein sehr kleiner Teil der Kunden.

Abb. 2: Zahlungsbereitschaft für Schnitzel (500g) aus tiergerechter Haltung (n=284; Ankerpreis für Schnitzel: 2,99€). Quelle: Zühlsdorf et al. 2018

Für einen Teil der VerbraucherInnen ist der Preis keine subjektive Frage der Preisbereitschaft, sondern eine harte Kaufbarriere, da sie nicht über das notwendige finanzielle Budget verfügen, um zum Beispiel Bio-Produkte kaufen zu können. Erwachsenen Alleinlebenden, die den Regelsatz der Grundsicherung (Hartz IV) beziehen, stehen im Jahr 2020 4,95 Euro pro Tag für Essen und Trinken zur Verfügung (Partner: 4,46 Euro, 18-24-Jährige ohne eigenen Haushalt 3,95 Euro, Jugendliche 14-17 Jahre 5,08 Euro, Kinder 6-13 Jahre 4,09 Euro, Kinder 0-5 Jahre 2,88 Euro; Koordinierungsstelle 2020). In Deutschland trifft dies auf knapp 8 Mio. Menschen (rund 10 % der Bevölkerung) zu. Ein solcher Haushalt kann kein Bio-Fleisch kaufen. Moralischer Druck des öffentlichen Diskurses, dies doch zu tun, führt dann eher zu psychologischen Reaktanzeffekten.

Was sind die Ursachen für die hohen Preisdifferenzen zu konventionell erzeugtem Fleisch? Entscheidend sind nicht die landwirtschaftlichen Mehrkosten. Biolandwirte erlösen je kg Fleisch nur rund 2 Euro mehr. Entscheidend sind die hohen Kosten der Warenstromtrennung sowie die Kuppelproduktionsproblematik. Letzteres meint, dass bestimmte Teilstücke des Tieres, die zwar unter Tierwohlstandards produziert wurden, aufgrund der fehlenden Nachfrage in Deutschland aber in den konventionellen Markt gehen müssen, weil es z. B. für Schweinefüße, aber zunehmend auch für Flügel der Masthähnchen, in Deutschland keine Nachfrage gibt. Mehrkosten, die auf den landwirtschaftlichen Betrieben anfallen, müssen somit auf wenige „edle“ Teilstücke umgelegt werden und führen zu einem überproportionalen Anstieg der Preise für VerbraucherInnen.

Separierungskosten, also Kosten der Warenstromtrennung in Standardware und Tierschutzfleisch, sind immer dann besonders hoch, wenn der Markt bisher durch ein eher undifferenziertes Angebot gekennzeichnet ist und zudem die Mengen gering sind. Dies ist für viele tierische Erzeugnisse heute in Deutschland der Fall. Es gibt wenig Markenprodukte im Fleischbereich, vielmehr dominieren niedrigpreisige Handelsmarken. Häufig gibt es nur eine Standardvariante eines bestimmten Produktes, wenn auch in jüngster Zeit zumindest bei den vielgekauften Schnelldrehern wie Schnitzel etc. Varianten (z.B. Biofleisch) eingeführt wurden. Insgesamt ist der Fleischmarkt aber noch relativ wenig differenziert, wenn man ihn z.B. mit dem Joghurtregal vergleicht.

Bei Fleisch und Wurstprodukten kommt hinzu, dass Personen mit hohen Tierwohlpräferenzen oftmals weniger Fleisch und Wurst konsumieren (sog. Flexitarier). Ihr Kaufverhalten spiegelt sich also aufgrund der geringeren Konsummengen nur unterdurchschnittlich in den Absatzzahlen für Tierwohlprodukte wider. Umgekehrt sind die „Heavy-Meat-Consumer“ vielfach wenig tierschutzbewusst. VeganerInnen und (bei Fleisch) VegetarierInnen können am Markt gar nichts bewirken. Sie formulieren aber als BürgerInnen besonders hohe Anforderungen an die Tierhaltung. Nicht wenige VeganerInnen und VegetarierInnen lehnen als TierrechtlerInnen die Nutztierhaltung sogar komplett ab.

Brauchen wir eine Tierschutzsteuer?

Nur wenn gesellschaftlich gewünschte Produkte auch an der Ladentheke erhältlich sind, können diese gekauft werden. Lange Zeit war es für VerbraucherInnen schwer ersichtlich, unter welchen Haltungsbedingungen tierische Produkte erzeugt wurden – biologische Produktion ausgenommen. Begriffe wie Tierwohl oder artgerecht können bis heute im Marketing relativ beliebig genutzt werden (Spiller & Zühlsdorf 2018). Die Politik hat lange Zeit auf tierethische Entwicklungen in der Bevölkerung nicht reagiert. Forderungen nach einem Tierschutzlabel werden schon seit längerer Zeit vertreten (Deimel et al. 2010). Aufgrund der geringen Menge ist Biofleisch bis heute vergleichsweise sehr viel teurer, was zu einem Teufelskreis aus Kleinstmengen, hohen Preisen und geringer Nachfrage führt (Spiller et al. 2015).

Durch die Einführung der sog. Haltungsformkennzeichnung im Jahr 2019 (www.haltungsform.de) in vielen Supermärkten und Discountern wird es für VerbraucherInnen jetzt zunehmend transparenter, in welchem Haltungssystemen das jeweilige Fleisch erzeugt wurde. Dies wird im Laufe der Zeit zu einer Verringerung der Bürger-Konsumenten-Lücke beitragen. Zurzeit sind aber v.a. Angebote der Stufen 1 und 2 (Stallhaltung und Stallhaltung Plus) erhältlich und Fleisch aus den Haltungsformen 3
und 4 (Außenklima und Premium) ist eher selten zu finden (Verbraucherzentrale 2019). Daher sind die Wahlmöglichkeiten für VerbraucherInnen nach wie vor eingeschränkt. Ähnliche Problematiken sind für das geplante staatliche Tierschutzlabel zu erwarten. Die Fleischindustrie hat bisher sehr zurückhaltend auf die Diskussion um das Tierwohl reagiert und nur wenig innovative Angebote geschaffen. Aufgrund der geringen Verfügbarkeit von Tierwohl-Produkten, die nicht dem Bio-Segment zuzuordnen sind, können VerbraucherInnen nur bedingt Verantwortung durch den Kauf von tierischen Produkten zur Verbesserung der Haltungsbedingungen übernehmen.

Letztlich zeigt sich, dass der Consumer-Citizen-Gap keine Konstante ist, sondern je nach Warengruppe und Thema sehr unterschiedlich ausfallen kann. Die Lücke hängt von der individuellen Bereitschaft der Menschen ab, für ihre Werte und Einstellungen auch mit ihrem Kaufverhalten einzutreten. Sie wird aber in noch stärkerem Ausmaß vom Handeln der Unternehmen und von geeigneten politischen Rahmenbedingungen beeinflusst. Bei Fleisch ist die Lücke aufgrund der langjährigen Passivität von Wirtschaft und Politik derzeit besonders groß, aber mit Initiativen wie dem geplanten staatlichen Tierschutzlabel und der Haltungskennzeichnung gibt es vorsichtige Signale für Verbesserungen.

Aber es gibt auch Besonderheiten des Fleischmarketings, die die Entwicklung eines Tierschutzsegmentes am Markt erschwert. Dazu zählen insbesondere die Notwendigkeit zur Vermarktung des ganzen Tieres, die höheren Tierwohlansprüche bei VegetarierInnen und FlexitarierInnen, die wenig Fleisch kaufen und der hohe Anteil von Fleisch für Export und Verarbeitungsprodukte. Die Herausforderung „Tierschutz in der Nutztierhaltung“ wird aufgrund der, auch bei einem besseren Marketing im Fleischbereich verbleibenden Konsumenten-Bürger-Lücke nicht gänzlich über den Markt gelöst werden können. Es bedarf auch agrarpolitischer Förderung, damit Landwirte die Mehrkosten tierfreundlicher Haltungsformen entlohnt bekommen.

Vor diesem Hintergrund wäre es ein Durchbruch für die Tierschutzdiskussion, wenn die Politik dem Vorschlag des Kompetenznetzwerkes Nutztierhaltung folgen würde und per Tierschutzsteuer einen Umbau der Tierhaltung massiv fördern würde. Die Landwirte in Deutschland haben als einzelne Unternehmer bisher kaum Möglichkeiten gehabt, auf die Herausforderungen des Tierschutzes und die sich verändernden Anforderungen aus der Gesellschaft zu reagieren. Wenn die Mehrkosten der tierfreundlicheren Haltungsformen über einen langjährig abgesicherten Zeitraum von der Gesellschaft übernommen werden, dann kann die Landwirtschaft auf Tierhaltungsformen umstellen, die in Bezug auf Tierwohl und Tierschutz deutlich oberhalb des EU- und Weltmarktniveaus liegen. Perspektivisch soll zum Beispiel allen Tieren deutlich mehr Platz und Außenklimazugang gewährt werden.

Vorgeschlagen hat das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung eine mengenbezogene Verbrauchssteuer auf tierische Produkte in Höhe von ungefähr 40 Cent pro kg Fleisch und Fleischverarbeitungsprodukte, 2 Cent pro kg Milch und Frischmilchprodukte sowie Eier und 15 Cent pro kg Käse, Butter und Milchpulver (Kompetenznetzwerk 2020). Die Kosten pro BürgerIn würden sich auf etwa 45 Euro pro Jahr belaufen. Vor dem Hintergrund des skizzierten Consumer-Citizen-Gaps erscheint eine solchefinanzielle Förderung durch die Bürger als Steuerzahler für einen längeren Zeitraum gerechtfertigt. Zudem würde der Konsum von tierischen Produkten etwas sinken, was zu den Klimaschutzzielen passt.


Das Verzeichnis der verwendeten Literatur finden Sie in: Busch, G., Spiller, A. (2020): Warum wir eine Tierschutzsteuer brauchen. Die Bürger-
Konsumenten-Lücke, Positionspapier, Georg-August-Universität Göttingen, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Diskussionspapier Nr. 2001.


Kontakt:

Prof. Dr. Achim Spiller, Dr. Gesa Busch
Georg-August-Universität Göttingen, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte
Platz der Göttinger Sieben 5, 37073 Göttingen
Email:
a.spiller@agr.uni-goettingen.de
gesa.busch@agr.uni-goettingen.de

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