Chemischer Pflanzenschutz ade? – ein Blick in die Zukunft

Ein Beitrag von Prof. Dr. Andreas von Tiedemann, Leiter der Abteilung Pflanzenpathologie und -schutz, Universität Göttingen. Der Beitrag beruht auf einen Vortrag, den er im Rahmen der letzten DLG-Wintertagung hielt.

Niemals zuvor haben auf unserem Planeten so viele Menschen so gesund, so gut ernährt und so lange gelebt wie heute. Alle wichtigen sozio-ökonomischen und medizinischen Indikatoren haben sich global signifikant verbessert, vor allem die Lebenserwartung, die sich in den letzten hundert Jahren auf etwa 72 Jahre verdoppelt hat, während die Hungerrate seit 1960 von 34% auf heute etwa 11% zurückgegangen ist. An dieser deutlichen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen hat die Modernisierung der Landwirtschaft entscheidenden Anteil. Wesentlich dafür waren quantitative Steigerungen der Flächenproduktivität, die neben der Verbesserung der Sorten, der Mineraldüngung und der Anbau- und Erntetechnik vor allem auf der Entwicklung eines effektiven chemischen Pflanzenschutzes beruhen.  

Dessen ungeachtet hat sich in den wohlhabenden Ländern eine ausgeprägte Skepsis gegenüber dem modernen Pflanzenschutz breitgemacht. Die Vorbehalte betreffen die Gesundheit der Verbraucher und Anwender und den Eingriff in den Naturhaushalt. Der deutliche Rückgang von Umweltbelastungen, sowie der Verbraucher- oder Anwendergefährdung in den vergangenen drei Jahrzehnten ist von der Gesellschaft nicht zur Kenntnis genommen worden. Vielmehr haben Ängste und Kritik zugenommen und führen zunehmend zur Einschränkung der Möglichkeiten im modernen Pflanzenschutz.

Aus wissenschaftlicher Sicht wird das Risiko von Pflanzenschutzmitteln systematisch überschätzt, während die Wohlfahrtseffekte des Pflanzenschutzes hinsichtlich Erntesicherung und Produktivität, die essentiell für die Ernährungssicherung und die Schonung von Naturflächen sind, weitgehend ignoriert werden. 

Davon zunehmend betroffen sind die Vielfalt, Verfügbarkeit und Wirksamkeit von Pflanzenschutzmitteln. Strengere Zulassungsanforderungen in den letzten beiden Jahrzehnten haben zwar zu den großen Fortschritten bei der Reduzierung toxikologischer und ökotoxikologischer Risiken beigetragen, aber auch zur erheblichen Steigerung der Zulassungskosten und Verlangsamung der Innovationen bei Pflanzenschutzmitteln geführt. Die Folge ist eine deutliche Zunahme von Indikationen, für die nur noch weniger als drei Resistenzklassen (RK) zur Verfügung stehen. So sind derzeit nur noch etwa 36% aller Einzelindikationen mit den für ein nachhaltiges Resistenzmanagement erforderlichen 3 RK abgedeckt. Im Ackerbau ist die Situation bei Herbiziden mit 4,4% und Insektiziden mit nur noch 2,4% Verfügbarkeit von mindestens 3 RK besonders angespannt. 

Die zunehmenden Einschränkungen im Pflanzenschutz gefährden die Produktivität der Landwirtschaft und die Profitabilität der Betriebe. Eine nachhaltig produktive Pflanzenproduktion ist ohne effektiven Pflanzenschutz nicht möglich. Die Evolution der Schadorganismen geht weiter, invasive Arten kommen hinzu. Vorbeugende Maßnahmen und Resistenzzüchtung sind essentielle Bestandteile des Integrierten Pflanzenschutzes, sind aber begrenzt in Bezug auf Effizienz, durch lange Vorlaufzeiten und den Mangel an bestimmten genetischen Ressourcen (Fehlen von natürlicher Insektenresistenz!). 

Als Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz rücken vorbeugende Maßnahmen des integrierten Pflanzenschutzes wie Bodenbearbeitung, Sortenwahl, Fruchtfolge und Saattermin, sowie der biologische Pflanzenschutz (Biologicals) und mechanisch-digitale Ansätze in den Fokus. Biologicals gewinnen zwar an Bedeutung, jedoch ist ihr Einsatzbereich nur sehr begrenzt und wird es auch bleiben. Gleiches gilt für mechanische Verfahren, deren Einsatzmöglichkeiten auf die Bekämpfung von Unkräutern und Ungräsern beschränkt ist. Biologicals und mechanisch-digitale Verfahren werden sich deshalb auf Nischenanwendungen beschränken. 

Große Hoffnungen ruhen auf den neuen Züchtungsmethoden. Ihre Entwicklung bis zur Anwendungsreife benötigt noch viele Jahre und setzt vor allem Technologieoffenheit der Gesellschaft voraus. Aus all dem wird deutlich:  Selbst bei Annahme großer Technologieoffenheit für neue Züchtungsmethoden und der Nutzung noch bestehender Einsparpotenziale des Pflanzenschutzmittel-Einsatzes wird auf absehbare Zeit der Bedarf an effektivem chemischen Pflanzenschutz als integraler Bestandteil produktiver Pflanzenbausysteme bestehen bleiben. 

Die Gesellschaft hat ohne Zweifel ein Mitspracherecht bezüglich der Art von Landwirtschaft, die ‚ihre‘ Nahrungsmittel und notwendige Energie- und Rohstoffe produziert. Das ergibt sich nicht allein aus den steuergespeisten Subventionen, sondern auch aus der zentralen Bedeutung von Lebensmitteln für uns alle und der landschaftsgestaltenden Funktion der Landwirtschaft. Mitsprache kann es aber nicht ohne Mitverantwortung geben. Dazu gehört zu allererst, dass neue Anforderungen auf sachlich-wissenschaftlicher Basis begründet werden müssen. Aber auch unabhängig von einer solchen Begründung sollte klar sein, dass die Konsequenzen von Forderungen nach Veränderungen bis zu Ende gedacht werden müssen.

Ändert man die Primärfunktion der Landwirtschaft von Produktion auf Naturschutz, entsteht ein völlig neues Grundverständnis mit weitreichenden Folgen.

Dazu gehören die Schaffung eines neuen und auskömmlichen Finanzierungs- und Entlohnungsmodells für die Produzenten, eine neue Preisgestaltung bei Lebensmitteln für die Konsumenten und die Erschließung von neuen Beschaffungsmärkten außerhalb Deutschlands für die Lebensmittel, die wir dann nicht mehr selbst produzieren. Orchestriert werden diese Herausforderungen von den damit verbundenen gesamtwirtschaftlichen Effekten auf die Attraktivität und Lebensfähigkeit des landwirtschaftlichen Betriebs als Produktionsstätte und Arbeitsplatz. 

Ein Gedanke zu „Chemischer Pflanzenschutz ade? – ein Blick in die Zukunft

  1. Interessant. Ist der Autor, Prof Dr. Andrea von Tiedemann, der gleiche Wissenschaftler, der noch 2015 in einem Artikel für das EIKE Institut den Klimawandel als ein „emotionales, ethisch-moralisches und politisches Thema“ bezeichnet hat, das man kritisch betrachten müsste? Denn soweit ich weiß, ist das EIKE Institut ein Think Tank, der von der US Ölindustrie, u.a von ExxonMobile, dem rechtskonservativen Trump Unterstützer und Milliardär Charles Koch sowie dem Heartland Institut finanziert wird, wie eine Recherche der ARD 2019 herausgefunden hatte. Und zufälligerweise berät das EIKE Institut auch die AfD, um den menschengemachten Klimawandel zu verharmlosen. Oder irre ich mich da? Zudem belegen die wissenschaftlichen Fakten, die mir bekannt sind, genau das Gegenteil von Herrn von Tiedemanns Aussagen. Zum Beispiel gab noch nie so viele Krebskranke, Diabetes-, Nieren- und Autoimmunerkrankte wie zurzeit in Deutschland. Allein die Zahl der neuen Nierenerkrankungen in Bayern ist in den letzten 15 um 42% gestiegen. Komisch auch, dass Wissenschaftler Nierenerkankungen vor allem unter Landwirten in Indien und Mexiko finden, die Glyphosat verspritzen. Auch die Umsätze der Pharmaindustrie steigen seltsamerweise jedes Jahr um 3-10% auf neue Rekordwerte, laut Pharma Fakten. So ein Zufall, dass die Pharmahersteller die selben sind, die auch die Pflanzenschutzmittel und das gentechnisch veränderte Saatgut herstellen. Des weiteren besagen renommierte Studien, u.a. des Weltagrarberichts und Agrarrates IAASTD, dass der Welthunger durch die Agrar- und Chemieindustrie gefördert wird, da die lokalen Bauern in Afrika, Indien und Asien teures patentiertes Saatgut kaufen müssen, das sie im 2. Jahr nicht weiterverwenden dürfen, teure Pestizide einsetzen müssen, davon krank werden und Kredite nicht zurückzahlen können. Zudem führen Monokulturen zu mehr Pflanzenkrankheiten und mehr Ernteausfällen. Aber ich kann mich ja auch irren, denn Herr von Teidemann ist ja der Experte von der Universität Göttingen, die laut Jahresbericht ja auch viel Geld von BAYER, BASF, Syngenta und KWS Saatgut erhält, oder irre ich mich da?

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