Wie nachhaltig ist Palmöl?


Prof. Dr. Matin Qaim, Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung, Uni Göttingen


Palmöl wird in der öffentlichen Diskussion oft vor allem mit der Abholzung tropischer Regenwälder in Verbindung gebracht. Und tatsächlich finden sich viele Ölpalmenplantagen auf Flächen, die vorher dicht und artenreich bewaldet waren. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille, wie wir in einer neuen Übersichtsstudie zeigen. Die starke Ausdehnung des Ölpalmenanbaus hat gerade in Asien auch deutlich zum wirtschaftlichen Wachstum und zur Armutsbekämpfung beigetragen. Die Ergebnisse haben wir kürzlich in der Fachzeitschrift Annual Review of Resource Economics publiziert. Hier möchte ich die Studie kurz für einen breiteren Leserkreis vorstellen.

Insbesondere in Indonesien und Malaysia wurde die Fläche, die mit Ölpalmen angebaut wird, in den letzten 20 Jahren deutlich ausgedehnt. (Quelle: M. Qaim)

Die Studie ist im Rahmen unseres Deutsch-Indonesischen Sonderforschungsbereichs (SFB 990) entstanden, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Universität Göttingen gefördert wird und den wir gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen von der IPB University in Bogor (Java) und der Universität Jambi (Sumatra) durchführen. An der neuen Übersichtsstudie beteiligt waren außer mir auch Kibrom Sibhatu (Postdoc in meiner Arbeitsgruppe), Hermanto Siregar (Professor an der IPB University) und Ingo Grass (Professor für Agrarökologie an der Universität Hohenheim). Ingo war bis vor kurzem Postdoc in Göttingen, bevor er den Ruf nach Hohenheim angenommen hat. Die Professur ist eine verdiente Anerkennung für seine hervorragenden Leistungen.

Für die Studie werteten wir gemeinsam Forschungsergebnisse zu den ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Effekten des Ölpalmenanbaus in Afrika, Asien und Lateinamerika aus. Die Ergebnisse aus der internationalen Literatur kombinierten wir mit unseren eigenen Daten aus Indonesien, die wir seit 2012 im Rahmen des SFBs erhoben haben. Indonesien ist weltweit der größte Produzent und Exporteur von Palmöl. Ein Großteil des dort produzierten Palmöls wird auch nach Europa exportiert und hier in der Nahrungs-, Kosmetik- und Biokraftstoffindustrie verwendet. Die Nahrungsindustrie macht dabei den deutlich größten Anteil aus.

Die Forschungsdaten zeigen, dass die Palmölproduktion in einigen Regionen der Welt – vor allem in Indonesien und Malaysia – erheblich zur Abholzung von Regenwäldern und zum Verlust von Artenvielfalt beiträgt. Durch die Rodung kommt es zudem zu hohen CO2-Emissionen und anderen ökologischen Problemen. Diese Probleme werden in Europa inzwischen weit verbreitet wahrgenommen, so dass häufig ein Verbot des Imports von Palmöl gefordert wird (oder gar ein komplettes Verbot für den Anbau, obwohl sich das international kaum durchsetzen ließe).

Aber wäre ein generelles Import- oder Anbauverbot wirklich eine nachhaltige Lösung? Die Antwort ist nein, und zwar weder aus ökologischer noch aus sozioökonomischer Sicht. Die Ölpalme produziert pro Hektar Fläche mehr als dreimal so viel Öl wie etwa Soja, Raps oder Sonnenblumen. Wollte man Palmöl komplett durch andere Pflanzenöle ersetzen, bräuchte man also deutlich mehr Fläche und müsste zusätzliche Wälder und Naturräume in Ackerland umwandeln. Das würde zusätzliche CO2-Emmissionen und einen zusätzlichen Verlust von Artenvielfalt mit sich bringen. Dabei sollte erwähnt werden, dass Landnutzungswandel – also die Umwandlung von Naturland in Ackerland – für die Hälfte aller Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft verantwortlich ist und gleichzeitig die größte Bedrohung für die natürliche Biodiversität darstellt.

Palmöl zu verbieten hätte auch negative wirtschaftliche und soziale Effekte in den produzierenden Ländern. Oft wird angenommen, dass Ölpalmen nur auf industriellen Plantagen angebaut werden. In Wirklichkeit wird aber rund die Hälfte des Palmöls weltweit von Kleinbauern produziert. Unsere Daten zeigen, dass der Ölpalmenanbau die Einkommen der Kleinbauern deutlich steigert und auch zu mehr Beschäftigung und höheren Löhnen für Landarbeiterfamilien führt. Obwohl es in einigen Regionen auch zu Konflikten über Landrechte kommt, hat der Ölpalmenboom die Armut in Indonesien und anderen Anbauländern insgesamt deutlich reduziert. In Indonesien hat der Ölpalmenboom in den letzten 20 Jahren die Armut landeweit halbiert.

Ein generelles Verbot von Palmöl wäre also nicht nachhaltig, nur ist ein „weiter so wie bisher“ natürlich auch keine nachhaltige Option. Ziel muss es sein, die Palmölproduktion umwelt- und klimafreundlicher zu gestalten. Hohe Erträge auf den bereits genutzten Flächen sind wichtig, um die noch verbleibenden Regenwälder zu schonen. Gerade im Kleinbauernsektor sind die erzielten Erträge häufig besonders gering, weil die Bauern keinen ausreichenden Zugang zu Technologie und Beratung haben. Außer einer nachhaltigen Intensivierung der Produktion können zum Teil auch Mosaiklandschaften, in denen Ölpalmen mit Waldstreifen und anderen Natur- und Kulturpflanzen kombiniert werden, zum Erhalt von Biodiversität und Ökosystemfunktionen beitragen. Auch diese Optionen untersuchen wir im SFB.

Nachhaltigere Produktionssysteme zu entwickeln und umzusetzen ist eine Herausforderung, bei der Forschung und Politik gleichermaßen gefragt sind. Klare und faire Landrechte und Zugang von Kleinbauern zu Beratung, Kredit und moderner Technologie sind wichtige Voraussetzungen. Nachhaltigkeitszertifikate für den internationalen Handel können helfen, sollten aber von der Wirkung her nicht überschätzt werden. Verbraucher und Verbraucherinnen können ebenfalls ihren Beitrag leisten, indem sie Lebensmittel, Kosmetika und Kraftstoffe, die alle Pflanzenöle enthalten, bewusster konsumieren und Verschwendung vermeiden.


Weitere Informationen

Originalveröffentlichung (Open Access): Qaim, M., Sibhatu, K.T., Siregar, H., Grass, I. (2020). Environmental, Economic, and Social Consequences of the Oil Palm Boom. Annual Review of Resource Economics 12, https://doi.org/10.1146/annurev-resource-110119-024922

Kontakt:

Prof. Dr. Matin Qaim

E-Mail: mqaim@uni-goettingen.de

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