Verbesserung der Klimabilanz des Ernährungssystems in Deutschland

Kritische Bewertung der Vorschläge von „GermanZero“

Die Initiative „GermanZero“ hat Ende 2019 einen „1,5-Grad-Klimaplan für Deutschland –  Gemeinsamer Aufbruch gegen die Klimakrise“ erarbeitet. Ziel ist, konkrete Gesetzentwürfe in den politischen Prozess einzubringen und durchzusetzen. Die Gruppe Göttingen von „Scientists for Future“ (S4F) hat die in Teil 4 vorgeschlagenen Maßnahmen zum Bereich Landwirtschaft, Landnutzung und Ernährung diskutiert, und zwar auf der Basis einer ausführlichen Stellungnahme, die der Autor im Licht von anderen wissenschaftsbasierten Gutachten und Stellungnahmen (insbesondere des Umweltbundesamts, des Thünen-Instituts, Wissenschaftlicher Beiräte, Stiftungen) sowie wissenschaftlicher Publikationen erstellt hat, und die mitsamt Quellenverzeichnis auf Wunsch gern zur Verfügung gestellt wird.

Kommentare sind sehr erwünscht!

– ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Friedrich-Karl Lücke, ehemals Mikrobiologie und Lebensmitteltechnologie, Hochschule Fulda


Zu den Maßnahmen-Vorschlägen von GermanZero

Das Bestreben von GermanZero, den Druck auf die Agrar- und Ernährungspolitik zu erhöhen, damit die notwendigen Maßnahmen im Klimaschutz getroffen werden, ist grundsätzlich zu begrüßen, zumal Handlungsbedarf besteht (auch und gerade aus Sicht der Wirtschaft)[1] von den im Klimaschutzprogramm der Bundesregierung vorgesehenen Maßnahmen allenfalls eine moderate Senkung der Treibhausgas(THG)-Emissionen dieses Sektors zu erwarten ist. Ambitioniertere Ziele lassen sich nur erreichen, wenn die THG-Emissionen des Nutztiersektors und die Stickstoffüberschüsse deutlicher sinken. Die vorliegende Bewertung konzentriert sich auf die Forderungen, zu denen der Autor eine deutlich andere Auffassung hat. 

Zu 1 und 3: Tierhaltung; Stickstoff-Effizienz:

Photo by Markus Spiske on Pexels.com

Die Forderung, die THG-Emissionen aus der Nutztierhaltung durch Rechtsvorschriften gegen die „Massentierhaltung“ zu senken, lässt mehrere Aspekte unberücksichtigt: 

  • „Massentierhaltung“ ist von anderen Nutztierhaltungsformen rechtlich und praktisch, wenn überhaupt, nur über ein aufwendiges Kennzahlensystem abgrenzbar. Weiterhin ist die Bestandsgröße oft nicht oder nur gering mit den eigentlichen Problemen der modernen Tierhaltung korreliert. 
  • Zur Verminderung der THG-Emissionen können große Ställe mit gasdichter Lagerung und Aufbereitung tierischer Ausscheidungen sogar überlegen sein. Eine Flächenbindung der Tierhaltung im Sinne einer Obergrenze von 2 Großvieheinheiten (GVE) pro Hektar erscheint zwar sinnvoll; bezieht man sie aber auf Einzelbetriebe, kann es Nachteile gerade für kleinere Betriebe geben, deren wirtschaftliches Überleben von Spezialisierung abhängt. 
  • Beim Stallbau besteht das Problem, dass Zielkonflikte zwischen Emissionsminderung und Tierwohl zu sich teilweise widersprechenden Vorschriften und aufwendigen Genehmigungsverfahren geführt haben, die kleinere Betriebe überproportional belasten und innovative Lösungen blockieren. Ein „strengeres Planungsrecht“ darf diese Probleme nicht verstärken.

Methanabgabe

Eine Methanabgabe wäre nur als Quasi-Steuer auf Wiederkäuer durchführbar. Da der Methanausstoß pro kg Produkt mit steigender Leistung der Tiere sinkt, würde eine solche Abgabe extensive Haltungsformen benachteiligen und die Leistungen der Wiederkäuerhaltung für den Erhalt von Grünland als CO2-Senke ignorieren. 

Stickstoff-Effizienz

Die Stickstoff-Effizienz muss dringend verbessert werden. Entscheidend sind jedoch die bedarfsgerechte Düngung und eine Verminderung der Stickstoff-Überschüsse. Wenn die angeschobenen düngerechtlichen Maßnahmen nicht ausreichend greifen, könnte man Druck durch eine Bepreisung von Stickstoff aufbauen, dann aber prioritär für Mineraldünger, und nur, wenn „Leakage-Effekte“ (Wettbewerbsvorteil durch Produktionsverlagerung ins Ausland, wenn keine internationalen Vereinbarungen getroffen werden) minimiert werden.

Photo by Tomas Ryant on Pexels.com

Futtermittel

Einige Forderungen von GermanZero laufen auf Beschränkungen im internationalen Handel hinaus, die gesamtwirtschaftlich und politisch problematisch sind. Eine Reduzierung der Soja-Importe zu Gunsten einheimischer Eiweißfuttermittel ist zwar wünschenswert, muss aber den derzeitig in Europe relativ ineffizienten Anbau von Soja und einheimischen Leguminosen berücksichtigen. Die Lösung liegt wahrscheinlich eher im Import zertifiziert nachhaltig erzeugter Futtermittelgrundstoffe und Futtermittel. Die Problematik der Exporte insbesondere tierischer Produkte in Entwicklungsländer ist eher zu lösen, wenn man diesen Importzölle ermöglicht unter der Voraussetzung, dass die Länder parallel die Entwicklung der einheimischen Produktion fördern.

Zu 2: Förderung pflanzlicher Ernährung

Eine deutliche Senkung des Konsums insbesondere von „rotem Fleisch“ (Rind, Schwein) ist im Sinne der Gesundheit und des Klimaschutzes, auch wenn sich der Unterschied in den spezifischen THG-Emissionen verringert, wenn man diese auf die Energie- und Nährstoffgehalt bezieht. 

Die vorgeschlagenen Maßnahmen zur Beeinflussung des Ernährungsverhaltens (insbesondere: Zwänge statt „Nudging“) sind jedoch weder zielführend noch praktikabel. So unterscheiden sich tierische Produkte von ihren pflanzlichen Alternativen wesentlich im Nährwert und sind im allgemeinen teurer. Daher besteht die Gefahr der Verbrauchertäuschung, mit möglichen negativen Konsequenzen für den Absatz pflanzlicher Alternativprodukte. Dementsprechend gibt es die Leitsätze für vegane und vegetarische Lebensmittel mit Ähnlichkeit zu Lebensmitteln tierischen Ursprungs. Welche Lebensmittel „klimaschädlich“ sind und entsprechend gekennzeichnet werden könnten, ist rechtlich und praktisch nicht abgrenzbar. Besser wäre es, ein gestuftes „Nachhaltigkeits-Label“ zu entwickeln, analog zum Tierwohl-Label.

„Vegetarische Kantinen“

Die Forderung nach „verpflichtend überwiegend vegetarischen Kantinen“ erscheint kontraproduktiv, denn es ist wahrscheinlich, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen auch von umweltbewussten Tischgästen als unangemessene staatliche Bevormundung aufgefasst werden. Zielführender wäre es, erst die Möglichkeiten des „Nudgings“ („Anstupsen“ in Richtung erwünschtes Verhalten ohne Einschränkung des Angebots) zu nutzen, indem man die sensorischen Eigenschaften vegetarischer Gerichte verbessert, sie attraktiver präsentiert und bewirbt und in fleischhaltigen Gerichten den Fleischanteil reduziert. Man könnte tierische Produkte auf der Ebene des Verbrauchs auch durch – sozialverträglich gestaltete – Abgaben verteuern: Im Gegensatz zur Verteuerung der Produktion wäre dann nicht mit „Leakage-Effekten“ zu rechnen. 

Zu 7: Strategische Neuausrichtung der Förderung und langfristigen Weiterentwicklung der Landwirtschaft 

Photo by Ponyo Sakana on Pexels.com

Dem Leitbild einer „bäuerlichen Landwirtschaft“ ist zwar grundsätzlich zuzustimmen, aber deren spezifische Förderung ist schwierig, weil sie nur über etliche Kennzahlen von anderer („industrieller“) Landwirtschaft abgrenzbar ist. 

Die Forderung nach einer „Umverteilung der Agrarförderung zugunsten von umwelt-, natur- und tierwohlgerechter Landwirtschaft“ wird von der Wissenschaft weitgehend unterstützt. Zweifellos ist eine solche Umschichtung mit einem erheblichen Aufwand verbunden, was die Erfassung und Bewertung der relevanten Parameter betrifft. Die Entwicklung der Technik und insbesondere des IT-Bereichs machen diese Probleme grundsätzlich aber auch für kleinere Betriebe lösbar, und es gibt konkrete Vorschläge für nachvollziehbare Punkte-Bewertungen für nachhaltiges und gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften. 


[1] Federführung, Ansprechperson und ©: Dr. Friedrich-Karl Lücke (Prof. i.R.),friedrich-karl.luecke(at)oe.hs-fulda.de. Erstellt für die Regionalgruppe Göttingen der „Scientists for Future“, in der die Stellungnahme intensiv diskutiert wurde. Zu den Punkten 1, 3 und 7 wurde weitgehend Einvernehmen erzielt; unterschiedliche Auffassungen gab es dazu, wie eine stärker pflanzliche Ernährung gefördert werden sollte.

[2] http://docs.wbcsd.org/2018/07/FReSH_Consumption_Report.pdf; http://www.weforum.org/agenda/2018/01/our-food-system-is-broken-three-ways-to-fix-it

Ein Gedanke zu „Verbesserung der Klimabilanz des Ernährungssystems in Deutschland

  1. Die meisten NGO’s schreiben bezüglich der Transformationsforderungen an die Landwirtschaft immer wieder dieselben Dinge voneinander ab, ohne die enthaltenen Fehler und Widersprüche zu erkennen.
    Nur ein paar Beispiele:
    1. Die Obergrenzen für Stickstoffausbringung sind bereits durch die Dünge-VO deutlich gesenkt.
    2. Die Stoffstrombilanz ist bereits düngerechtlich verbindlich vorgeschrieben.
    3. luftdichte Gülle- und Misthandhabung ist sehr schlecht für die Biodiversität, die mit Landwirtschaft in Verbindung zu bringen ist. Insekten brauchen „Scheiße“ und die ist schon in den letzten Jahrzehnten immer weniger zugänglich für Insekten. (geschlossene Ställe, abgedeckte Güllebehälter, weniger Festmistverfahren)
    4. Schnäbel kürzen beim Geflügel ist bereits seit Jahren verboten
    5. Das Planungsrecht für Bauten ist bereits sehr streng und kostspielig und wirkt der „Neuentwicklung“ einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft (Maßnahmenpaket 7) diametral entgegen.
    6. Für kleinbäuerliche Landwirtschaft wird man die heute in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen nicht begeistern können, weil sie nicht wieder mit der Technik und den Methoden, die damit in Verbindung gebracht werden können, arbeiten wollen. Viele Fremdarbeitskräfte in der Landwirtschaft sowohl in der Innen- wie in der Außenwirtschaft sind nicht aus einheimischen AK-Reservoir zu rekrutieren, sondern kommen aus Osteuropa.
    7. Was hat die Ausweitung von Hecken und anderen Feldgehölzen mit der Steigerung des Humusgelts landw. Flächen zu tun.(Maßnahmenpaket 6)
    8.Wenn man über das Ordnungsrecht eine andere Form der Landwirtschaft erzwingt, darf man keine Neuverteilung der Agrarförderung vornehmen, sondern muss sie gänzlich abschaffen. Es ist nicht einzusehen, dass der Steuerzahler und nicht der Verbraucher die Einkommen der verbleibenden Landwirte sichert.

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