Feldbericht aus der laufenden Studie zur Lebenssituation von Frauen in der Landwirtschaft

– ein Beitrag von Janna Luisa Pieper der Abteilung Soziologie ländlicher Räume der Universität Göttingen

Das alte Hofgebäude aus Fachwerk liegt versteckt hinter einer hohen Buchenhecke, die Zufahrt zum Hof geht von einer schmalen einspurigen Straße ab, die kaum befahren ist. Es ist eine malerische Kulisse mit grasenden Kühen auf den umliegenden Weiden und Obstbäumen im Garten. Ich bin irgendwo in Norddeutschland auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, um die dort lebende Frau zu interviewen.

Lena* wartet schon auf mich. Noch zwei Tage zuvor, als ich mit ihr telefonierte, musste ich all meine Überredungskünste dafür einsetzen, sie zu überzeugen mir drei Stunden ihrer Zeit für ein Interview zu opfern. Lena führt mich über den Hof in ihr Wohnhaus. Drinnen angekommen bietet sie mir einen Tee an und räumt schnell die Spielsachen ihrer Kinder weg, die überall verstreut herumliegen. Während sie den Tee aufsetzt, kommt ihr Mann in die Küche: „Die Tierärztin ist da. Welche Kuh war das nochmal mit der Euterentzündung?“. Lena nimmt mich kurzerhand mit in den Kuhstall. Die kranke Kuh lockt sie zielsicher ans Fressgitter, fachsimpelt mit der Tierärztin über verschiedene Mastitis-Erreger und beantwortet nebenbei die Frage ihres Mannes, wo denn sein Portemonnaie abgeblieben sei. Als die Kuh versorgt ist, kehren wir ins Wohnhaus zurück. Lena erklärt mir, dass sie das Telefon im Blick behalten müsse, da bei ihr „die Fäden zusammenlaufen“. Außerdem könne jeden Moment der Versicherungsvertreter kommen.

Lena ist Ende 30 und bewirtschaftet gemeinsam mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb. Sie kommt nicht vom Hof, Lena ist in einer Stadt aufgewachsen. Ihre Eltern haben keinen landwirtschaftlichen Hintergrund. Schon früh begeisterte sich Lena für das Thema Naturschutz und in diesem Zuge auch für nachhaltige Landwirtschaft. Mit 14 war ihr klar, dass sie gerne Landwirtin werden möchte: „Und meine Eltern haben so gemeint: „Äh, wie?“. Und letztendlich war es dann so, dass ich einfach auf Höfen gearbeitet habe. Meine Eltern haben mich da so in den Ferien immer mal hin gejagt und gesagt so „Mach mal Praktikum“ und „Ob du das immer noch machen willst“ und ja, das wollte ich immer noch. Und dann war die Frage, ja wie macht man so etwas, wie wird man Bäuerin, wenn man keinen Hof hat?“ Nach verschiedenen Praktika auf landwirtschaftlichen Betrieben im In- und Ausland und einem agrarwissenschaftlichen Studium, bei dem sie ihren Mann kennenlernte, stand ihrem Traum vom eigenen Hof nur noch eines entgegen: Der Zugang zu einem Hof und Land.

Die Versuche eine Förderung von Seiten des Bundes oder des Landes zu erlangen, blieb in Ermangelung passender Programme erfolglos. Schließlich starteten Lena und ihr Mann eine Crowdfunding-Kampagne und konnten so genügend Eigenkapital sammeln, um einen Kredit zu bekommen, der ihnen ermöglichte einen Hof zu pachten und ihn nach ihren Vorstellungen umzugestalten.

Lena ist neben der Führung des Milchviehbereichs auch für die Buchhaltung, Kinderbetreuung und den Haushalt hauptverantwortlich. Sie berichtet, dass sie den Betriebszweig der Direktvermarktung, mit einem kleinen Hofladen, den sie aufgebaut hat, führt. Stolz erzählt Lena mir vom Erfolg ihrer Idee und wie der Laden jedes Jahr weiter wächst.

Lena steht exemplarisch für die vielen Frauen, die in Deutschland auf landwirtschaftlichen Betrieben leben und/oder arbeiten. Ob als mitarbeitende Ehefrau oder Partnerin, Betriebsleiterin, Herdenmanagerin, Angestellte, Altenteilerin oder Hofnachfolgerin – Frauen haben vielfältige und wichtige Tätigkeitsfelder in der Landwirtschaft. Und doch wird Landwirtschaft gerne als Männerdomäne bezeichnet. Zu Unrecht, wie die Zahlen aus der Agrarstatistik beweisen: Mehr als ein Drittel (36 %) der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft sind Frauen – bei den Saisonarbeitskräften liegt ihr Anteil mit 43 % sogar noch höher. Auch ein Drittel der Familienarbeitskräfte sind Frauen (DESTATIS 2016). Allerdings werden nur zehn Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland von Frauen geführt (Europäische Kommission 2019). Dies ist auch im europäischen Vergleich ein sehr niedriger Anteil an Betriebsleiterinnen.

Im Rahmen des Projekts „Die Lebenssituation von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben in ländlichen Regionen Deutschlands – eine sozio-ökonomische Analyse“ bin ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in ganz Deutschland unterwegs, um Interviews mit Frauen in der Landwirtschaft zu führen. Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft untersuche ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen vom Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume der Georg-August-Universität Göttingen und dem Thünen-Institut für Betriebswirtschaft, wie es um die Frauen auf den Höfen in Deutschland bestellt ist. Der Deutsche LandFrauenverband e.V. (dlv) steht uns dabei als Kooperationspartner zur Seite (mehr Informationen zur Studie). Neben den Interviews sind deutschlandweit weitere quantitative und qualitative Untersuchungen vorgesehen. Ziel ist, die derzeitigen Lebensverhältnisse und die Zukunftsperspektiven der Frauen in der Landwirtschaft und deren Bedeutung für den sozialen Zusammenhalt in ländlichen Regionen besser zu verstehen.

Bisher wurden im Rahmen der Studie 21 narrative biografische Interviews mit Frauen, die auf Höfen leben, geführt. Seit Herbst 2019 fanden elf regionale Workshops mit insgesamt 118 Teilnehmerinnen in ganz Deutschland statt, um von den Frauen zu erfahren, welche Themen sie besonders bewegen. Die Kontakte zu den interessierten Workshop-Teilnehmerinnen wurden über die lokalen Kreisverbände des dlv hergestellt. Anhand von Erkenntnissen aus der Literatur und den Ergebnissen aus den Workshops und Interviews wurde eine bundesweite Online-Befragung erstellt, die im Herbst 2020 gestartet ist und bis Mitte April 2021 läuft (jetzt mitmachen). Parallel dazu werden circa 70 weitere qualitative Interviews geführt. Zum Abschluss finden Ergebnisworkshops statt, bei denen die Erkenntnisse der Studie und mögliche Empfehlungen mit den Frauen aus den Auftakt-Workshops diskutiert werden.

Anhand von Lenas Erzählung und den Biografien all der anderen befragten Frauen, lassen sich einige vorläufige Erkenntnisse unserer derzeit laufenden Forschung zur Lebenssituation von Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland veranschaulichen:

  • Die Eigentumsverhältnisse sind nach wie vor patriarchal geprägt. Da häufig noch an der Tradition der männlichen Hofnachfolge festgehalten wird, haben Frauen kaum Chancen, (ererbten) Zugang zu Hofstellen und Land zu erhalten.
  • Ohne einen Hof von den Eltern (oder anderen Verwandten) zu übernehmen, können Frauen nur durch Existenzgründung, außerfamiliäre Hofübernahme oder Einheirat zu einem landwirtschaftlichen Betrieb kommen.
  • In den Interviews und Workshops berichten viele Frauen, die einen Hof übernommen haben, dass ihnen nur die Verhinderung des Bruders durch Krankheit oder Desinteresse an der Landwirtschaft die Hofübernahme ermöglicht hätte.
  • Wer einen Hof gründen möchte, sieht sich vor die Problematik gestellt, dass die Bodenpreise mittlerweile ein schwindelerregendes Niveau erreicht haben und Förderprogramme für Neu-Landwirtinnen und Neu-Landwirte sehr rar gesät sind (Thomas et al. 2006). Damit stellt die Übernahme oder Neugründung eines landwirtschaftlichen Betriebs eine immense Investition dar, die viele Frauen nicht leisten können oder wollen.
  • Dieser Umstand ist besonders bedauerlich, denn erste Ergebnisse der qualitativen Untersuchungen der Studie zeigen, dass viele Frauen die Impulsgeberinnen für neue Bewirtschaftungsweisen, Betriebszweige oder Vermarktungskonzepte auf den Höfen sind.
  • Auffällig ist, dass die eingeheirateten Frauen beziehungsweise Partnerinnen sich zwar als Miteigentümerinnen dieser neuen Bereiche (oder des ganzen Hofes) begreifen, es jedoch oft de facto auf dem Papier nicht sind. Dies zieht große Konsequenzen im Falle einer Scheidung beziehungsweise Trennung oder im Erbfall nach sich, da die Frauen dann keinen Anspruch auf den Hof oder den Betriebszweig geltend machen können.
  • Eine besondere Schwierigkeit des Hoflebens stellt für die Frauen der häufige Wechsel zwischen den verschiedenen Lebensrollen dar: Das ständige hin und her Springen führt dazu, dass sie angefangene Aufgaben nicht abschließend erledigen können und immer neue Priorisierungen ihrer Tätigkeiten vornehmen müssen. Diese Mehrfachbelastung durch private und berufliche Rollen kann zu einer Burnout-Erkrankung führen (mehr Informationen).
  • Das Thema Zukunft ist in den Interviews und Gruppendiskussionen sehr präsent. Im Zuge der sich verändernden (agrar-)politischen Rahmenbedingungen und der gesteigerten gesellschaftlichen Erwartungen an die Landwirtschaft sehen viele Frauen die Existenz der Höfe und damit auch ihr Arbeits- und Lebensumfeld bedroht. Oft sind es die Frauen, die auf den landwirtschaftlichen Betrieben für die Buchhaltung verantwortlich sind. Damit sind sie als erste ganz unmittelbar mit finanziellen Krisensituationen konfrontiert.

Ausblick

Die Datenerhebung im Projekt ist noch nicht abgeschlossen und das bisher gesammelte Material nicht vollständig analysiert. Deshalb können die vorläufigen Ergebnisse auch noch kein vollumfängliches Bild der Lebens- und Arbeitssituation der Frauen in der Landwirtschaft in Deutschland zeichnen. Durch die Corona-Pandemie ist es uns im Moment leider nicht möglich die Feldforschung weiterzuführen. Wir warten auf ein baldiges Abflauen der Infektionszahlen und das O.K. des Krisenstabs der Uni, um wieder Dienstreisen antreten zu können.

Die bis April 2021 laufende bundesweite schriftliche Befragung (jetzt mitmachen) wird weitere Erkenntnisse zu den unterschiedlichen Positionen der Frauen, zu den verschiedenen Tätigkeitsfeldern, zu Einkommensquellen und zur sozialen Absicherung liefern. In diesem Jahr ist zusätzlich eine Ergänzungsstudie zu angestellten Frauen in der Landwirtschaft ohne Leitungsfunktion geplant.


*Der Name der Interviewpartnerin sowie die Details ihrer Biografie wurden von der Autorin pseudonymisiert.

Links

https://studie-frauen-landwirtschaft.thuenen.de/

https://www.frauenlebenlandwirtschaft.de/uc/2020/

Literatur

DESTATIS (2016): Arbeitskräfte und Berufsbildung der Betriebsleiter/ Geschäftsführer. Land- und Forstwirtschaft, Fischerei. Agrarstrukturerhebung. Fachserie 3, Reihe 2.1.8. Bundesamt für Statistik, Wiesbaden.

Europäische Kommission (Hrsg.) (2019): Females in the field: more women managing farms across Europe. URL: https://ec.europa.eu/info/news/queens-frontage-women-farming-2019-mar-08_en (Abruf: 10.8.2020).

Pieper J L und Padel S (2020):Die unterschätzte Rolle von Frauen. B&B Agrar – Die Zeitschrift für Bildung und Beratung (3/2020):14-16.

Thomas, F., Schmidt, G., Weiland, I., Wohlgemuth, M., Wolfram, M., Vieth, C. (2006): Förderung von Existenzgründungen in der Landwirtschaft. Projektbericht. Universität Kassel, Fachgebiet Landnutzung und Regionale Agrarpolitik. Witzenhausen.


Ein Gedanke zu „Feldbericht aus der laufenden Studie zur Lebenssituation von Frauen in der Landwirtschaft

  1. „Die Eigentumsverhältnisse sind nach wie vor patriarchal geprägt. Da häufig noch an der Tradition der männlichen Hofnachfolge festgehalten wird, haben Frauen kaum Chancen, (ererbten) Zugang zu Hofstellen und Land zu erhalten.“

    Diese Eingangsbehauptung kann ich aus meiner Berufserfahrung heraus nicht bzw nur eingeschränkt bestätigen. Mit dem Kinderkriegen sind die Landwirtsfamilien seit etwa 20-30 Jahren schon viel zurückhaltender als ihre Vorfahren. Und wenn dann „nur“ zwei Mädchen da sind, ist die Frage, ob man diese früh genug an den Beruf heran führt und sie für den Beruf des Landwirts interessiert. Das hat viel mit Haltung, Selbstverständnis, Wirtschaftskraft, Vorbild etc zu tun. Meine Beobachtung ist die, dass sich viele selbstbewusste junge Frauen mit guter Bildung und landw. Ausbildung, die den elterlichen Hof übernehmen, heutzutage schwer tun, einen adäquaten Partner zu finden. Und das ist schade. Denn wo keine Familie gegründet wird, gibt’s irgendwann auch keinen Familienbetrieb mehr.

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