(K)eine nachhaltige Nutztierhaltung ohne Weide?

Ergebnisse aus drei Studien zur gesellschaftlichen Bewertung von Haltungssystemen 

ein Beitrag von Sarah Kühl in Zusammenarbeit mit Aurelia Schütz & Gesa Busch

Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte

Universität Göttingen

Aus einer Vielzahl an Studien ist bekannt, dass Verbraucher:innen eine klare Präferenz für Haltungssysteme haben, die den Tieren Zugang zu Außenklima ermöglichen. So steigt die Akzeptanz von Haltungssystemen bei Milchkühen, Mastschweinen und Geflügel deutlich, wenn ein Zugang zu einem Außenbereich, im besten Fall zu einer Weide, besteht (Kühl et al., 2018; Busch und Spiller, 2018). Auch für ein hohes Tierwohlniveau ist Zugang zu Außenklima positiv zu bewerten (WBAE, 2015). In der aktuellen Diskussion um die Zukunft der Nutztierhaltung wird die Beibehaltung geschlossener Stallsysteme aus verschiedenen Gründen dennoch nicht ausgeschlossen. Insbesondere unter Einbezug wissenschaftlicher Erkenntnisse aus den Bereichen der Klima- und Emissionsforschung finden sich Argumente, die diese Stoßrichtung untermauern (z.B. Grimm, 2015; Keck, 2014). Auch baurechtliche Einschränkungen limitieren aktuell oftmals den Zugang zu Außenklima. Zudem werden negative Auswirkungen der Auslauf- und Freilandhaltung wie bspw. höhere Besiedlung mit Endoparasiten oder höhere Mortalitäten durch Beutegreifer (siehe Einschätzung dazu in Spiller et al., 2015) angeführt, um Vorteile der geschlossenen Stallsysteme hervorzuheben. Dazu passen auch die Zahlen der aktuellen Landwirtschaftszählung. So ist z.B. der Anteil der Rinder, die Zugang zu einer Weide haben, zwischen 2010 und 2020 um 6 Prozentpunkte auf 31% gesunken; in der Schweinehaltung ist die Auslaufhaltung weiterhin kaum zu finden (1% aller Haltungsplätze bieten einen Auslauf). Lediglich bei den Legehennen zeigt sich eine deutliche Zunahme der Freilandhaltung von 17% auf 31% aller Haltungsplätze, auch wenn die Bodenhaltung im geschlossenen System weiterhin dominiert (destatis, 2021).

Im folgenden Beitrag haben wir Ergebnisse aus drei aktuellen Studien zusammengetragen, die sich mit der Bedeutung von Auslauf und Weidehaltung für die Bewertung von Haltungssystemen aus gesellschaftlicher Sicht beschäftigen und Antworten auf die im Titel gestellte Frage geben. Sie zeigen, dass geschlossene Haltungssysteme wenig Akzeptanz finden.

Abbildung 1: Häufigkeit (in % der Nennungen) der offen genannten Kategorien auf die Frage „Was muss Ihrer Meinung nach erfüllt sein, damit eine Nutztierhaltung nachhaltig ist?“, Befragung im Mai 2021 (n=600).

In einer ersten Studie, die wir im Mai 2021 durchgeführt haben, wurden die Assoziationen von Bürger:innen mit „Nachhaltiger Nutztierhaltung“ offen abgefragt. Die Ergebnisse zeigen, dass das Tierwohl dabei mehr Berücksichtigung findet als bspw. klimatische Auswirkungen. Abbildung 1 zeigt, dass die Mehrheit der 600 befragten Personen eine nachhaltige Nutztierhaltung mit einer „guten Haltung der Tiere“ assoziiert. Darunter fallen verschiedene Antworten wie „ein gutes Leben“, „artgerechte Haltung“ oder auch „natürliche Lebensbedingungen“. Die am zweit- und dritthäufigsten genannten Kategorien beziehen sich dann auf die konkrete Ausgestaltung der „guten Haltung“. Hier zeigt sich die hohe Bedeutung von Auslauf und Weidehaltung: 26% der Befragten gaben an, „Auslauf nach draußen“ oder „Weidehaltung“ mache für sie eine nachhaltige Nutztierhaltung aus. Darauf folgt ein ausreichendes Platzangebot für die Tiere (22%). Auch die (natürliche und artgerechte) Fütterung spielt für viele Menschen eine wichtige Rolle, wenn es um die Bewertung der Nachhaltigkeit der Tierhaltung geht (19%). Weitere wichtige Kriterien stellen Aspekte wie eine ökologische oder regionale Produktion (11%), bewusster Fleischkonsum (9%) sowie Klima- und Umweltschutz (3%) dar. Diese werden aber deutlich seltener genannt als haltungsbezogene Aspekte.

Bei detaillierterer Betrachtung der offenen Aussagen wird deutlich, dass bei einigen Befragten durchaus ein Bewusstsein für Zielkonflikte zwischen artgerechter Haltung und Wirtschaftlichkeit besteht. Die Befragten sehen den wirtschaftlichen Druck auf Landwirt:innen und sprechen sich für höhere Preise und / oder staatliche Unterstützung aus, insbesondere für Betriebe mit reduzierten Tierzahlen (Abbildung 2). Gleichzeitig zeigen die Aussagen aber auch, dass Veränderungen, die dem Umwelt- oder Klimaschutz zu Gute kommen, nicht auf Kosten des Tierwohls durchgeführt werden dürfen: Von den 3% Befragten, die Umwelt- und Klimaschutz als einen wichtigen Punkt genannt haben, hat die Hälfte auch Aspekte des Tierwohls erwähnt, die gegeben sein sollten, um die Nachhaltigkeit der Nutztierhaltung zu gewährleisten.

Abbildung 2: Zitate der offenen Nennungen auf die Frage „Was muss Ihrer Meinung nach erfüllt sein, damit eine Nutztierhaltung nachhaltig ist?“ nach den Nachhaltigkeitsbereichen Ökologie, Ökonomie und Tierwohl, Befragung im Mai 2021 (n=600).

Der Begriff „Massentierhaltung“, der in der Gesellschaft häufig als Synonym für wenig artgerechte Nutztierhaltung genutzt wird, wird zum einen mit Käfig- und Stallhaltung sowie Platzmangel in Verbindung gebracht, aber auch mit negativen Auswirkungen auf Umwelt und Klima. Dies zeigen Ergebnisse einer weiteren aktuellen Studie vom Mai 2021, in der 985 Personen gebeten wurden offen anzugeben, was sie mit dem Begriff „Massentierhaltung“ verbinden. Diese Befragung wurde in der gleichen Form bereits vor zehn Jahren durchgeführt. Interessant ist, dass der Anteil an Personen, die Massentierhaltung mit negativen Auswirkungen auf Umwelt- und Klimaschutz assoziieren, seit dem Jahr 2011 deutlich gestiegen ist (2011: 2% (n=288), 2021: 6% (n=985)), ebenso wie der Anteil derer, die fehlenden Auslauf kritisieren (2011: 0%, 2021: 6%). 

Studienergebnisse aus einer bildgestützten Online-Befragung mit 518 Teilnehmern zur Bewertung von Zielkonflikten in der Schweinehaltung im Januar 2021 unterstreichen nochmals, wie gefestigt der gesellschaftliche Wunsch nach Zugang zu Außenklima für Nutztiere ist. In der Studie wurden die Teilnehmer:innen zunächst aufgefordert, das konventionelle Haltungssystem „Stallhaltung auf Spaltenboden“ zu bewerten. Die deutliche Mehrheit gab an, dieses nicht zu akzeptieren (86%), und lehnt die Aussage ab, dass Schweine so gehalten werden sollten (88%). Hingegen treffen alternative Haltungssysteme, vor allem solche mit Zugang zu Außenklima, auf eine deutlich höhere Akzeptanz. Bei der Stallhaltung auf Stroh geben 57%, bei der Auslaufhaltung 75% und bei der Weidehaltung sogar 96% an, diese als Alternative zur Stallhaltung auf Spaltenboden zu akzeptieren. Auch wenn diese allgemeine Akzeptanz nach dem Zeigen möglicher Nachteile grundsätzlich stabil bleibt (Abbildung 3a), lassen die Ergebnisse einen unterschiedlich starken Einfluss der einzelnen Nachteile auf die Akzeptanz der Alternativen erkennen. So ist die Akzeptanz aller Haltungssysteme insbesondere dann niedrig, wenn sich das System negativ auf das Einkommen der Menschen auswirkt oder die Übertragungsgefahr von Krankheiten auf den Menschen steigt. Deutlich höher ist sie hingegen, wenn durch das Haltungssystem die Freisetzung von Treibhausgasen zunimmt oder die Fleischpreise steigen (Abbildung 3b). Auch zwischen den Haltungssystemen gibt es wieder Unterschiede: So bewerteten z.B. 36% die Stallhaltung auf Stroh als akzeptable Alternative, auch wenn sich damit die Übertragung von Krankheitserregern auf Menschen erhöht, während dies bei der Weidehaltung knapp die Hälfte der Befragten akzeptabel findet (49%) (Abbildung 3b). 

Abbildung 3: Akzeptanz alternativer Haltungssysteme als Alternative zur Stallhaltung auf Spaltenboden vor, nach und bei Konfrontation mit möglichen Nachteilen, Befragung im Januar 2021 (n=518).

Vor dem Hintergrund der vorgestellten Ergebnisse lässt sich die in der Überschrift gestellte Frage aus gesellschaftlicher Sicht eindeutig beantworten: Eine Nutztierhaltung, die den Tieren keinen Zugang zu einem Auslauf oder einer Weide bietet – was bei allen Tierarten, insbesondere aber in der Schweinehaltung, derzeit noch der dominierende Standard ist – wird es schwer haben, von der Gesellschaft als nachhaltig angesehen und akzeptiert zu werden. Wissenschaftliche Argumente, die den Umwelt-, Klima- und Tierschutz betreffen, werden diese Überzeugung (zumindest kurzfristig) kaum beeinflussen können. Der Lebensmitteleinzelhandel reagiert aktuell mit einer klaren Positionierung Richtung Tierschutz: Bis zum Jahr 2030 wird ALDI nur noch Frischfleisch der Haltungsformen 3 und 4 anbieten (ALDI, 2021). Wobei Haltungsform 3 den Tieren Kontakt zu Außenklima bietet und Haltungsform 4 den Zugang zu einem Außenbereich bzw. einer Weide. Durch diesen Vorstoß entstehen für die Branche selbst sowie für die Politik neue Herausforderungen, für viele Menschen wird damit aber ein wichtiger Schritt in Richtung einer nachhaltigen Nutztierhaltung umgesetzt.


Literatur:

ALDI (2021): Pressemitteilung – ALDI erklärt Umstieg auf Haltungsformen 3 und 4. https://www.aldi-nord.de/unternehmen/presse/aldi-erklaert-umstieg-auf-haltungsformen-3-und-4.html, Abruf am 25.06.2021.

Busch, G., Spiller, A. (2018): Pictures in public communications about livestock farming. Animal Frontiers 8(1): 27-33.

Destatis (2021): Tierhaltung: Dominierende Haltungsformen gewinnen weiter an Bedeutung. Pressemitteilung Nr. N 051 vom 4. August 2021. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/08/PD21_N051_41.html, Abruf am 06.08.2021.

Grimm, E. (2015): Beurteilung von frei gelüfteten Ställen hinsichtlich Emissionen und Immissionen – Möglichkeiten und Grenzen, Vortrag Schwäbisch Hall, 30.07.2015.

Keck, M. (2014): Vergleich von Haltungssystemen in Bezug auf Emissionen und Immissionen, KTBL Fachgespräch Emissionsminderungen und Abluftreinigung 2014, Download am 25.06.2021.

Kühl, S., Gauly, S., Spiller, A. (2018): Analysing public acceptance of four common husbandry systems for dairy cattle using a picture-based approach. Livestock Science, doi: https://doi.org/10.1016/j.livsci.2018.12.022.

Spiller, A., Gauly, M., Balmann, A., Bauhaus, J., Birner, R., Bokelmann, W., Christen, O., Entenmann, S., Grethe, H., Knierim, U., Latacz-Lohmann, U., Martinez, J., Nieberg, H., Qaim, M., Taube, F., Tenhagen, B.-A., Weingarten, P. (2015): Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung. Berichte über Landwirtschaft. Sonderheft Nr. 221.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.